Donnerstag, 13. August 2020

An mir lag es nicht!

Im Training offeriere ich gerne folgende Ausreden: Wenn etwas nicht klappen sollte, dann ist daran natürlich wahlweise die Stange/das Trainingsgerät an sich, das Wetter, das zu anstrengende Warm-Up vorher oder generell der Trainer Schuld. Wir quittieren diese bereits zu Beginn ausgebreitete Auswahl an Ausflüchten gerne mit einem gemeinsamen Schmunzeln. Es ist zum einen wirklich sinnvoll, sich nicht dauernd selbst niederzumachen, wenn etwas nicht klappt, zum anderen übertreiben wir damit das, was Menschen im Allgemeinen gerne tun: Den Grund für eine Situation nicht bei sich zu suchen.

 

Wahrscheinlichkeitsrechnungen

Ein einfacher emotionsloser Vergleich zu Beginn. Ein – zugegeben etwas seltsamer – Test offeriert 140 Antwortmöglichkeiten. Alle Antworten sind richtig. Man muss 20 wählen, um die volle Punktzahl zu erreichen. Man selbst beschließt, nur 17 zu wählen und besteht den Test nicht.

„Selbst schuld!“, würde jeder Mensch hier sagen. So sind wir aber nun mal nicht gestrickt.

Es ist mühsam und kratzt am Ego, den Grund für ein suboptimales Ergebnis bei sich selbst zu suchen. Immerhin müsste man dann auch mit den Konsequenzen zurechtkommen. Entweder müsste man für das nächste Mal etwas ändern (bäh, anstrengend!) oder aber damit leben, dass man es selbst „versemmelt“ hat (bäh, doof!).

Es ist viel einfacher, Gründe überall zu suchen, nur nicht bei sich. So sind wir nun mal, es ist hilfreich, das anzuerkennen.

 

Der Tritt in den Allerwertesten

Für das eigene Ego und den Wohlfühlfaktor in der gleichnamigen Zone ist es gut, Dinge zu tun, die das eigene Ego streicheln oder zumindest nicht in Frage stellen. Auch das ist normal. So lange man damit zufrieden ist und es keinerlei Beschwerden gibt, reicht das aus und ist auch vollkommen in Ordnung. Stellen sich Beschwerden ein, muss man etwas ändern. Menschen ändern sich aber nicht so gerne. Andere vielleicht schon, Umstände auch, aber nicht sich selbst (siehe oben genannten Anstrengung).

Beschwerden können dabei durchaus doppeldeutig verstanden werden: Unzufriedenheit im Job, Langweile in der Freizeit, Frustration in der Beziehung oder körperliche Beschwerden aufgrund zu geringer sportlicher Betätigung. Wie sich der Umstand, dass „etwas“ nicht mehr passt, äußert, ist dabei zweitrangig.

 

Trainer kennen das: Es gibt Übungen die liegen einem und es gibt Übungen, die liegen einem weniger. Es gibt die „eine“ Seite und es gibt die „andere“ Seite. Somit ist die Versuchung groß, nur das zu zeigen, was man bestens beherrscht und die anderen Dinge einfach „zu lassen“. Zur Untermauerung der eigenen Rolle (kompetent, sportlich, stark, kräftig, perfekt) scheint dieses Vorgehen nicht nur legitim, sondern auch erfolgsversprechend und nachvollziehbar zu sein.

 

Dinge zu tun, in denen man NICHT perfekt ist, miteinander zu trainieren und anzuleiten, selbst wenn man dabei nicht immer in die Meisterrolle schlüpfen kann und auch immer wieder die „andere“ Seite zu zeigen, erfordert einen gedanklichen Tritt in den Allerwertesten. Immer und immer wieder.

 

Training der Fairness

Das ist Training. Übst du noch, oder trainierst Du schon?

Und nein, das macht nicht immer Spaß und ja, es ist immer anstrengend, aber hinterher belohnt einen das Gefühl, wieder einmal eine (kleine) Grenze überschritten und somit den eigenen Horizont erweitert zu haben.

 

Dieses Vorgehen ist fair. Hart, aber fair. Sich selbst gegenüber, aber auch den Mitmenschen gegenüber, denn ein Bild zu skizzieren, durch welches man sich selbst überhöht, während man die Mitmenschen als defizitär dastehen lässt, entspricht einfach nicht der Wahrheit.

 

„Wer nur das tut, was er schon kann, wird immer bleiben, was er schon ist.“ (Henry Ford)
Kein Problem, so lange sich – siehe oben – keine Beschwerden einstellen.

 

Alles Negative zurücklassen

Am Ende sollte das gute Gefühl bleiben. Kein Training, keine Fortbildung, keine Verhandlung und kein Meeting verlaufen immer zu 100% toll. Es gibt immer etwas, was man kritisieren und bemängeln kann. Die Dosis macht das Gift und der Fokus den Sonnenschein.

Wer das Hauptaugenmerk auf das legt, was nicht gut gelaufen ist und sich ausschließlich auf diese Punkte fokussiert, der wird nie zufrieden werden. Wer zusammenfasst, was gut und was weniger gut gelaufen ist, wer ein Ziel vor Augen hat und wer bereit ist, an den richtigen Stellen die Änderungsmöglichkeiten bei sich selbst zu suchen, der wird gestärkt werden. Und auch das gilt für jede Art von Training, ob nun Personalentwicklung oder Sport.

 

Ein liebgewonnenes Ritual am Ende

Und so nehmen wir zum Abschluss jeder Kursstunde gedanklich das Positive mit, schieben das Negative von uns und schütteln das ab, was noch an uns klebt, uns aber nicht weiterbringt.


Donnerstag, 16. Juli 2020

Baden und Duschen – eine etwas andere Betrachtung des Zeitmanagements


 

Duschen und Baden haben beide den gleichen Zweck: Reinigung und Körperpflege. Duschen ist ressourcenschonender (geringerer Wasser- und Zeitverbrauch). Im Zuge von „Geiz ist geil“ und „schneller ist besser“ liegt der Rückschluss nahe, dass Duschen besser als Baden ist.

Punkt. Alle Liebhaber eines genüsslichen Bads werden darüber semierfreut sein, weil ein Genussmoment genommen wird. Verschwenderisch mit Zeit und Ressourcen im Allgemeinen umzugehen, kann sich heutzutage kaum mehr eine Person leisten, manchmal ist es aber wichtig, zu wissen, wann Baden nicht nur genuss- sondern sogar sinnvoll sein kann, überträgt man diese metaphorische Sichtweise auf andere Bereiche unseres Lebens.

 

Leistung

Heutzutage wollen wir große Ziele oftmals schnell erreichen. Wer wenig Zeit braucht, ist automatisch gut. Wenig Fahrstunden, Lehrzeitverkürzung, das Überspringen von Schulklassen, eine kurze Studiendauer. Leistung.

Sagt doch schon die Formel: Leistung ist Arbeit durch Zeit! Da sich diese Formel auf die mechanische Leistung bezieht, wir aber doch auch menschlich und nicht immer mechanisch handeln sollten, kann man diese Formel eben auch nur bedingt auf das menschliche Miteinander, auf das sportliche Training, auf die Teamarbeit und auf künstlerische Aktivitäten wie Tanz übertragen.

 

Schnell und effektiv – aber nicht immer effizient und ressourcenschonend

Das menschliche Miteinander und Genussmomente für jede beteiligte Person bleiben bei einer rein mechanischen Betrachtung auf der Strecke. Und Zeit ist nicht immer die einzige Ressource, die geschont werden sollte. Betrachten wir uns ein paar Beispiele aus dem Akrobatiktraining an der Pole und im Hoop. Vielen teilnehmenden Personen ist es wichtig, möglichst schnell die Welt auf den Kopf stellen zu können, sprich zu Invertieren, um kopfüber am Trainingsgerät zu hängen. Das soll schnell erreicht werden und die Bewegung an sich wird dann meist auch schnell ausgeführt: Es wird gerissen, gesprungen und mit viel (unkontrolliertem) Schwung gearbeitet. Der Erfolg scheint einem Recht zu geben. Man ist ja oben. Gemäß der oben erwähnten Formel hat man auch alles richtig gemacht. Langfristig schadet man aber bei zu hoher Geschwindigkeit und falscher Technik dem Körper und schädigt seine Ressourcen.

 

Manche Augenblicke verlangen Dramaturgie

Ein Essen bei Freunden, ein gutes Buch, ein Theaterstück, ein romantischer Abend. Kunst an sich. Zeit spielt hier eine nicht unwesentliche Rolle. Man kommt nicht zur Essenseinladung, setzt sich sofort an den Tisch und geht wieder, sobald man den letzten Bissen verschlungen hat. Man möchte bei einem Krimi nicht auf Seite zwei wissen, wer der Täter/die Täterin war, einen Theaterabend will man ebenso auskosten wie einen Museumsbesuch und über Romantik unter Zeitdruck brauchen wir gar nicht zu reden.

 

Im Training

Gute Haltung und korrekte Ausführung der Übungen sind im Training wichtig. Beim Yoga, im Pilates, im Pole – und Hooptraining, beim Stretching, im Tanztraining. Die Korrektur und das Überprüfen der Grundhaltung benötigt Zeit. Zeit, die vor allem auch die Schönheit des Moments, der Ausführung positiv beeinflusst. Jede Teilbewegung sollte geschätzt und zelebriert, nicht als nur notwendiges Übel angesehen werden. Nimmt man sich die Zeit, führt die Bewegungen kontrolliert und konzentriert aus und genießt dabei jeden Augenblick (oder lässt es zumindest so aussehen), so kann man auch besser überprüfen, ob man an alles gedacht hat. Stürzt man sich stattdessen mit der hektischen Fokussierung der Endfigur in die Ausführung derselben, so sieht es meist so aus, als ob man auf der Flucht wäre und man vergisst wichtige Aspekte.

 

Im sozialen Miteinander

Small-Talk. Der Inbegriff des Zeitstehlens, gehen wir nach der obigen Formel durchs soziale Miteinander. Streichen wir jeden Small-Talk so merken wir, was übrigbleibt: Kälte. Natürlich sind die Grenzen zwischen Geschwätz und Small-Talk schwimmend und werden von Person zu Person unterschiedlich gesetzt, aber auch diese Zeit des Redens, in der keine wesentlichen Informationen ausgetauscht werden, hat ihre Berechtigung.

 

Im Team

Ebenso sieht es bei Zielvereinbarungsgesprächen und Teammeetings aus. Es ist nicht schön, wenn der/die Vorgesetzte ewig um den heißen Brei herumredet und die Spannung ins Unendliche steigt, weil Spannung hier nervenzerreißend werden kann und es mitunter höflicher wäre, die Eingangsfloskeln kurz zu halten, um dann zügig zum Kernthema voranzuschreiten. Doch lässt man alles weg, was nicht direkt dem Informationsaustausch dient, so fehlt auch hier ein Faktor, der uns das Arbeiten im Team angenehm macht.

 

Beides hat seine Berechtigung

Ein Kuchen ohne Glasur, ein Tanz durch den man durchhetzt, ein Museumsbesuch im Schnelldurchlauf. Keine schöne Vorstellung. Mit künstlich in die Länge gezogenen Augenblicken hat das nichts zu tun. Beide Herangehensweisen haben ihre Berechtigung und manchmal ist es sogar Geschmackssache, was besser ist, denkt man nur an das Entfernen eines Pflasters. Schnell oder sanft?

 

 

Manchmal ist es eine Kunst, sich in der heutigen Zeit, Zeit zu nehmen.

Donnerstag, 9. Juli 2020

Werden oder sein – Beispiel Disziplin

Diszipliniert sein oder diszipliniert werden? – Das ist hier die Frage. Ersteres gilt fast schon als Tugend, als Aushängeschild für einen Plan, den man verfolgt, als Hinweis auf Biss und Durchsetzungsvermögen. Letzteres verbinden wir mit Strafen und Sanktionierungen, mit Erziehungsmaßnahmen und sehen es als Aberkennung unserer Freiheit. Kann man die beiden Sichtweisen einfach so trennen, nur weil ein Verb anders ist?


Disziplin und Spontaneität
Diese beiden Charaktereigenschaften scheinen nicht so gut miteinander zu harmonieren. Disziplin verfolgt einen Plan, sieht einen Ablauf vor, geht nach einem Schema vor, lebt zum Teil von der Wiederholung. Spontaneität setzt auf Freiheit, auf unbeschwerte Verhaltensweisen, skizziert ein Bild der Leichtigkeit des Seins, bricht aus der Routine aus.


Berufs- und Privatleben
Auf den ersten Blick wünschen wir uns im beruflichen Umfeld disziplinierte Menschen, egal ob wir dies aus der Sicht einer Führungskraft tun, die diese Eigenschaft bei Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen sehen möchte oder aus der Sicht eines Mitarbeiters oder einer Mitarbeiterin, die sich auch auf die Führungskraft verlassen können möchte.

Im Privatleben denken wir bei disziplinierten Menschen häufig an spaßreduzierte Personen. Das muss aber nicht sein. Disziplin hat nichts mit Humorlosigkeit zu tun, ganz im Ernst ;-)


Und dann war da noch die Fremdbestimmtheit
Es kommt auch immer darauf an, von wem die Disziplin ausgeht. Legen wir uns selbst die Regeln auf, die wir befolgen wollen, haben wir einen Plan und weichen von diesem nicht ab, auch wenn es manchmal schwer wird, dann gilt dies als anerkennenswert.

Werden wir diszipliniert, so bäumen wir uns häufig auf.

Gegen rote Ampeln, gegen Masken, gegen Korrekturen, gegen Kritik, gegen Maßnahmen, gegen Steuern, gegen Obrigkeiten, gegen.to be continued.


Disziplin und Souveränität
Es kann allerdings auch ein Zeichen von Souveränität sein, Dinge diszipliniert zu verfolgen, die wir uns selbst nicht ausgesucht haben. Zähneputzen beispielsweise.

Kein Kind sucht sich Zähneputzen freiwillig aus. Bis ein Kind hier diszipliniert ist, muss es häufig ermahnt, zu Disziplin angehalten werden. Irgendwann wird aus der auferlegten Disziplin Routine und dann sind 2x3 Minuten am Tag auch keinen Kampf mehr wert, weil es andere Dinge gibt, auf die man die Energie viel besser verwenden kann.


Training, Coaching, Gesellschaft
Im sportlichen Training schreibt uns der Trainer zunächst vor, was wir tun sollen. Je exakter wir es ausführen und je länger wir dabeibleiben, umso eher werden wir mit Erfolgen belohnt. Auch im Coaching legt ein Trainer/Coach den Finger in die Wunde und zeigt uns neue, ungewohnte Wege auf, die uns anfangs belasten, stressen, viel von uns abverlangen. Bleiben wir auch hier dabei, so werden wir (auch hier die Qualität des Trainers vorausgesetzt), Veränderungen bemerken, es wird besser werden.

Allein in der Gesellschaft scheint das so eine Sache zu sein mit der Disziplin.

Man muss als Mitglied einer Gemeinschaft nicht alles gut finden, was man zu Wohle der Gemeinschaft tun sollte/ tun muss, aber man sollte sich auch überlegen, ob der Zahnputzkrieg der Kleinkind-Trotzphase hier wirklich weitergeführt werden muss.


Konkrete Beispiele zum Abschluss
Die neuen Hygieneauflagen haben für uns alle Veränderungen mit sich gebracht. Die Maske nicht vergessen, die Hände desinfizieren.

In den meisten Fällen läuft es gut, aber in vielen Fällen eben auch nicht.

In unserem Sportstudio machen die Teilnehmer und Teilnehmerinnen so toll mit, dass es schon zur Routine geworden ist. Matten werden desinfiziert, Masken werden getragen und dürfen am Trainingsplatz abgesetzt werden. Jeder macht mit und ich habe das Gefühl, es macht (trotzdem) Spaß.

Gut, manchmal muss man auch hier erwachsene Menschen „disziplinieren“, die die Regeln „vergessen“. Als Studioinhaberin bin ich aber dafür verantwortlich, dass diese Regeln eingehalten werden und daran hängt auch die (weitere) Möglichkeit unter Einhaltung der Hygieneregeln geöffnet haben zu dürfen. Weil mir das wichtig ist, muss ich erwachsene Menschen auf diese Regeln manchmal hinweisen: „Eintritt bitte nur mit Maske!“ – „Bitte die Hände desinfizieren“.


Disziplin muss nicht immer Spaß machen
Das macht keinen Spaß, es erfordert halt nur Disziplin – auf beiden Seiten.

Ich glaube nicht, dass es auch nur einer Person wirklich Spaß macht, eine Maske zu tragen. Ich beneide auch die Personen nicht, die jeden Tag mehrere Stunden damit durchhalten müssen, das möchte ich an dieser Stelle betonen.

Wenn ich allerdings sehe, wie ein Speiselokal mit großer Terrasse von Gästen überrannt wird, die zu 80% KEINE Maske dabeihaben (obwohl sie diese doch nur zum Eintreten aufsetzen sollten), dann fühle ich mich an den Zahnputzkrieg erinnert.

Es ist kein Aushängeschild von sinnvoller Revolution, sich an diese kleinen Disziplinarmaßnahmen nicht zu halten, sondern eine Respektlosigkeit. Ich mag die Masken auch nicht, ich bin froh, wenn ich keine tragen muss und ob sie wirklich in irgendeiner Weise hilfreich sind, wer weiß? Aber es könnte doch sein, also dann halte ich mich eben dran.

Bin ich jetzt diszipliniert oder werde ich diszipliniert? Das ist hier die Frage.

Donnerstag, 18. Juni 2020

Spotting oder kein Spotting – das ist hier die Frage?



Man kann nicht immer machen, was man will. Das Leben ist kein Ponyhof und man kann nicht überall seinen Willen durchsetzen. Schon klar. In vielen Dingen nur vernünftig. Wenn man sich allerdings zu lange entgegen der eigenen Überzeugungen verhält, so macht einen das krank – mich zumindest. Warum ich mich nach ein paar Kursen im Polebereich/Hoop-Bereich unter gegebenen Auflagen entschlossen habe, wieder Hilfestellung zu geben – Corona-Regeln hin oder her, das will ich gerne erklären.

 

Gefahren vermeiden

Als verantwortungsvolle Person hat man in einer Gesellschaft keine Gefahr für andere darzustellen. Für sich selbst sollte man auch keine Gefahr darstellen, aber das erledigt der Eigenschutzmechanismus des Kopfes/Körpers meist von alleine.

 

Gefahr durch Nähe

Seit ein paar Monaten nun wird uns eingebläut, dass wir durch unsere Existenz und die Nähe zu Anderen bereits eine Gefahr darstellen können, die sich potenziert und vergrößert, je länger wir dem Anderen auf die Pelle rücken. Also vermeiden wir Nähe. Wir vermeiden Berührungen. Wir vermeiden Begrüßungen und Verabschiedungen mit Körperkontakt, wir betrachten uns als permanente Virenschleudern, auch wenn wir gar nicht krank sind.

 

Neue Umgangsformen

Im beruflichen Umfeld bedeutet das, dass wir Kunden und Klienten nicht mehr formvollendet begrüßen und Höflichkeitsregeln zugunsten der Gefahrenvermeidung ad acta gelegt werden. Es bedeutet aber auch, die Pflichten des eigenen Berufsbildes zu vernachlässigen, zum Wohle aller und zur Vermeidung einer unsichtbaren Gefahr. Das ist für uns alle etwas befremdlich, denn man entfernt und entfremdet sich.

 

Seltsame Auswirkungen

Als Trainerin habe ich einen Beruf gewählt, der mit der Übernahme von Verantwortung einhergeht. Personen kommen in unser Studio, weil sie sich wohl und sicher fühlen wollen, weil sie darauf vertrauen, dass der Trainer ein sicheres Umfeld aufbaut und dafür geradesteht. Darauf haben sie einen Anspruch.

Meine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass diese Erwartungen erfüllt werden können. Das tue ich gerne, das tue ich immer, dafür arbeite und lebe ich.

 

Verschobene Prioritäten

Wenn allerdings Sicherheit bedeutet, dass der Verbrauch von Desinfektionsmittel ins Unermessliche steigt, einem permanent der klinische Geruch in der Nase liegt und der Grad an Sicherheit mit der Frequenz des Abwischens von Lichtschaltern und Türgriffen einhergeht, mir allerdings gleichzeitig untersagt wird, meine Teilnehmer in schwierigen akrobatischen Figuren zu sichern, dann läuft irgend etwas schief.

 

Geraderücken

Und deswegen ist es an der Zeit, sich über Regeln hinwegzusetzen. Mit sofortiger Wirkung werde ich in den Kursen wieder Hilfestellung geben und sichern. Bei geplanten „Korrekturrunden“ werde ich eine Maske trage, sollte ich allerdings sehen, dass sich ein Teilnehmer in Gefahr bringt, so werde ich auch ohne Maske sofort zu Hilfe eilen, um erkennbare Schäden abzuwenden.

 

Gegen die eigene Einstellung

In den vergangenen Wochen habe ich gegen meine innere Einstellung gearbeitet. Ich habe als Trainer auf sichernde Nähe verzichtet, nur um Teilnehmer nicht in Gefahr zu bringen und sie genau damit vielleicht in Gefahr gebracht. Das Sichern, die Hilfestellung, die Präsenz eines Trainers sind wichtig. Es kann nicht sein, dass ich als Trainer – übertrieben gesprochen – sehe, wie sich ein Teilnehmer in akute Gefahr begibt (weil er droht den Halt zu verlieren, weil er eine Technik nicht richtig ausführt) und ich dies sehenden Auges wahrnehme ohne einzuschreiten, aus Angst, meine Nähe könnte den Teilnehmer krank machen.

Donnerstag, 11. Juni 2020

Der Move ist der Mühe nicht wert



Dieses Zitat stammt von einer Teilnehmerin, die sich im Training immer genau das zu erwartende Ergebnis ansah, sich also ein Bild vom fertigen Trick/der fertigen Figur machte, um dann den Aufwand, den dieser Trick erfordern könnte, mit den Mühen dorthin zu gelangen, zu vergleichen. War die Figur nicht schön/eindrucksvoll genug, quittierte sie dies mit oben genanntem Satz. Bei der Senkung der MwSt. geht es mir im Moment ähnlich, nur dass ich hier nicht selbst entscheiden darf, ob ich mitgehe oder nicht.

 

Mehr Gewinn

Für ein halbes Jahr wird die MwSt. um 3 bzw. um 2 Prozentpunkte gesenkt. Hey, 2-3% mehr Gewinn! Das hilft den gebeutelten Unternehmen unheimlich auf die Sprünge. Damit ist das Jahr gerettet. Ein tolles Signal und ein absolutes Entgegenkommen. Vielen herzlichen Dank.

So oder ähnlich sollten die Unternehmer wahrscheinlich reagieren, doch die Realität sieht anders aus.

Weil Unternehmer grundsätzlich unzufrieden sind? Weil Unternehmer grundsätzlich ungern Steuern zahlen?

Nein, weil hier etwas angestoßen wird, dem man sich nicht entziehen kann, dessen Rattenschwanz man aber versuchen muss, einzufangen.

 

Erwartungen der Kunden

Kaum, dass die Senkung der MwSt. beschlossen war, hört und liest man in den Medien, dass sich dies auf die Preise auswirken solle, dass Endverbraucher nun mit niedrigeren Preisen rechnen können. Alles wird billiger. Konsum frei! So geht’s der Wirtschaft (wieder) gut.

Durch diese Berichterstattungen werden berechtigte Wünsche und Erwartungen in Kunden und Endverbrauchern geschürt, die ein Dienstleister/Unternehmer erfüllen soll.

Dankeschön!

 

Realität

Was die Senkung der MwSt. im betrieblichen Alltag eines kleinen Unternehmens bedeutet, möchte ich hier an einigen Beispielen konkret darstellen.

Wir bieten in unserem Sportstudio unter anderem 6wöchige Kurse an, aber auch Punktekarten. Wir arbeiten ohne Vertragsbindung, was sich im Moment erneut als Vorteil herausstellt, da wir keine bestehenden Abos verändern müssen.

Eine 20 Punkte-Karte kostet inkl. MwSt. 150,00. Ein Kurs im Durchschnitt 125,00 (für 6 Wochen).

Das bedeutet, dass wir pro Kunde umgerechnet auf 6 Wochen bzw. maximal ein halbes Jahr (so lange gilt eine 20-Punkte-Karte) ca. 0,70mehr GEWINN haben. Macht also ca. 0,47pro Monat pro Kunde mehr.

 

Rechtfertigungsposition

Der Kunde erwartet, dass die Preise gesenkt werden. Würde ich die Preise um 50 Cent senken, würde sich der Kunde ein wenig „vergackeiert“ vorkommen. Senke ich die Preise nicht, so stehe ich als Unternehmer als raffgierig da.

Wie ich es also als Unternehmer anfange, ich werde es falsch machen.

 

Der Rattenschwanz

Was auf alle Fälle zu tun ist: Rechnungsvorlagen ändern, mit Kunden in klärende Gespräche gehen, Preise anpassen oder eben nicht anpassen, die Webseite bearbeiten etc. etc. etc.

Wir arbeiten so altmodisch, dass wir unsere Rechnungsvorlagen noch selbst bearbeiten können. Andere Unternehmen dürfen/müssen darauf hoffen, dass ihr Programm die Änderungen rechtzeitig zur Verfügung stellt und dass die Kosten für ein Update so gering sind, dass sie den unheimlich großen Gewinnzuwachs nicht an sich sofort wieder zunichte machen.

Jeder Schritt an sich klein und zu vernachlässigen, aber getan werden muss er, da beißt die Maus keinen Faden ab. Und jeder Schritt kostet Zeit. Zeit, die ich nicht doppelt habe und die ich nicht für das einsetzen kann, was vielleicht für beide beteiligten Seiten (Kunde und Unternehmer) sinnvoller und attraktiver wäre.

Und wenn ich alles vollzogen habe, dann habe ich für exakt ein ganzes halbes Jahr meine Ruhe, bevor ich Anfang 2021 wieder von vorne anfangen kann.

Leistungen, die sowohl im Zeitraum VOR der Änderung als auch im Zeitraum WÄHREND der Änderung in Anspruch genommen werden, unterliegen dann zwei Steuersätzen. Grundsätzlich müsste ich also jede Rechnung neu schreiben.

Nochmals: Vielen Dank. Ich wüsste wirklich nicht, was ich mit meiner Zeit anfangen soll, wenn nicht derartige Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen generiert würden. Mir wäre als Unternehmerin schlicht langweilig und ich darf mich wirklich nicht beschweren, denn ich verdiene ja Unmengen an Geld mehr und meine Gewinne steigen ins Unermessliche.

Von diesen Summen kann ich nicht mal das Desinfektionsmittel bezahlen, welches seit der Umsetzung der Auflagen in rauen Mengen verbraucht wird und jeden Bereich mit einem angenehm klinischen Geruch versieht.

Abgesehen davon, generiert der Staat damit eine tolle "double bind Situation", denn ich kann es als Unternehmer wieder nur falsch machen: Habe ich die Preise im Juli 2020 vielleicht wirklich gesenkt, wird eine erneute Erhöhung nicht auf viel Gegenliebe stoßen. Habe ich den riesigen Gewinn als Unternehmer einfach so in meine Tasche gesteckt, dann muss ich jetzt damit leben, wieder viel viel viel weniger Gewinn zu machen ( ;-))

 

Ohrfeigentrinkgeld

Als Jugendliche arbeitete ich nebenher als Bedienung. Das Trinkgeld war eine willkommene, wenn auch schwer zu berechnende „Gehaltserhöhung“.

Manchmal kam es vor, dass man große Gruppen zu bedienen hatte, die relativ lange saßen. Gezahlt wurde manchmal von einer Person. Ich kann mich noch an einige Male erinnern, als ich das Trinkgeld am liebsten gar nicht angenommen hätte, weil ich es als Affront verstand.

Bei Rechnungssummen von 139,80 wurde mit gönnerhafter Manier vom Kunden 140,00 auf den Tisch gelegt mit der Aussage: „Stimmt so!“

So ähnlich fühlt sich die Senkung der MwSt. an.
Was "die da oben" damit zeigen: Sie haben keine Ahnung vom unternehmerischen Alltag, es geht ihnen nicht darum, dass es einem Unternehmer besser geht, sie wollen gut dastehen und tun dies auf Kosten derer, die ihre Suppe auslöffeln dürfen. Ja, ich bin sauer!

 

Entschleunigung – Fehlanzeige!

Corona hat Einiges durcheinandergebracht. Aber es hat uns allen auch die Möglichkeit gegeben, den Blick auf das Wesentliche zu schärfen. Respekt und Anerkennung, Wertschätzung und Geduld walten zu lassen. Personen im Allgemeinen mit anderen Augen sehen zu können. Leitsätze geprägt durch „höher, schneller, weiter, billiger, mehr“ etwas in Frage zu stellen. Das fand ich gut.

Jetzt sind wir wieder genau da, wo wir vorher waren.

Donnerstag, 4. Juni 2020

Ressourcenmanagement – auf den Boden (der Tatsachen) zurückkehren



Ein Training wird meist dann als gut bewertet, wenn möglichst sofort mess- und sichtbare Erfolge und Fortschritte festzustellen sind. Ein wesentlicher Faktor ist und bleibt aber auch die Sicherheit. Jedes Training, welches den Trainierenden nicht vollkommen „zerstört“, sondern noch ein paar Reserven übrig lässt, ist gut. Dieser Gedanke hilft uns auch beim Umgang mit den mentalen Ressourcen, im Umgang mit Stress.

 

Stress kommt hinterher

Wir kennen alle den Umstand, dass sich die negativen Auswirkungen von Stress und Belastung gerade dann zu erkennen geben, wenn wir sie so gar nicht gebrauchen können. Sicher, negative Auswirkungen kann wünscht sie niemand zu irgendeinem Zeitpunkt, aber warum wird man häufig dann krank, wenn man „frei“ hat, oder verzieht sich den Rücken, wenn man doch im Urlaub entspannen könnte?

 

Der Körper leistet, der Kopf auch. Im Dauermodus arbeiten beide daran, den Anforderungen gerecht zu werden, bis endlich Ruhe einkehrt. Dann fordern Kopf und Körper ihren Tribut.

 

Obwohl wir das alle kennen, ist es unheimlich schwer, während einer Belastungszeit, in der Ausführung einer Übung an „später“ zu denken. (Ich kann es im Sport teilweise, im Umgang mit geistigen Ressourcen nur sehr bedingt).

 

Verbesserung kommt hinterher

So, wie beim Sport sinnvolle Regenerationsphasen einberechnet werden sollten, weil man weiß, dass die Verbesserung der Leistungsfähigkeit streng genommen nach dem Training hergestellt wird, nicht während des Trainings, so sollte man sich auch ab und zu Gedanken darüber machen, wo man im Alltag Regenerationsphasen einbauen kann, statt diese auf die lange Bank des Jahresurlaubs zu schieben.

 

Kraft berechnen

Im Training der Akrobatik gehen wir hier ziemlich pragmatisch vor. Wir berechnen nicht nur die Kraft, die wir benötigen, um eine bestimmte Figur ausführen zu können, diese aufzubauen und zu halten, sondern wir rechnen auch immer die Kraft für den „Rückweg“ ein.

Die Gründe hierfür liegen auf der Hand: Viele Personen sind gerade in der Anfangseuphorie so hochmotiviert, dass sie alles geben. Das ist per se sehr schön, aber manchmal auch hochgefährlich. Nicht selten kann es vorkommen, dass die Person nach einer erfolgreich gemeisterten Figur/ einem neuen Trick in luftigen Höhen feststellt, dass sie nun nicht mehr weiß, wie sie sicher auf den Boden zurückkehren soll, bzw. schlichtweg die Kraft fehlt.

 

Dann kann der Rückweg gefährlich werden. Beim Workout ist der Trainer als Hilfestellung vor Ort, er/sie ist darauf vorbereitet und begleitet den Teilnehmer sicher auf den Boden zurück.

Bei mentalen Herausforderungen fehlt uns manchmal die Kraftberechnung für den Rückweg, das Zurückhalten notwendiger Reserven und ein Coach.

 

Mentale Kraft berechnen

Der Kopf und der Körper können viel erreichen und aushalten. Sie gehen beide nicht so schnell kaputt, wie wir manchmal glauben, aber ein wenig Glutreserve sollte auch hier zurückgehalten werden, denn aus Asche kann man kein neues Feuer entfachen und Phönix sind wir selten.

Freitag, 29. Mai 2020

Flexibilität trainieren, Grenzen akzeptieren – Agree to disagree




Im Sport sagt man dem Training der Flexibilität nach, dass es eine gute Methode sei, den Bewegungsapparat gesund zu erhalten, Stress zu vermindern und Verspannungen zu lösen.

Durch Dehnungsübungen „zieht“ man den Muskel in die Länge. Ansatz und Ursprung des Muskels sollen sich weiter voneinander entfernen – vereinfacht und sinnbildlich gesprochen.

Dieses „Langziehen“ kann eine bessere Aufnahme von Nährstoffen und Sauerstoff verursachen und ist somit (richtig ausgeführt) gesund. Am Anfang verursacht Dehnen Schmerzen. Auch das ist normal und als gesundes Warnsignal des Körpers zu verstehen. Kommunikation mit dem Körper, Atmung, Geduld und Ruhe sind hier wichtige Faktoren, die vor Verletzungen schützen.

 

Übertragen wir dieses Wissen um die Auswirkungen von Dehnungsübungen auf unseren Kopf, lassen sich metaphorische Gemeinsamkeiten erkennen.

 

Sturheit ist die Unflexibilität des Geistes

Das Training der Flexibilität stärkt auf Dauer Sehnen und Bänder, die Haltestrukturen unseres Körpers, die Unterstützer unserer knöchernen Strukturen.

Ähnlich kann das auch mit dem Zulassen anderer Sichtweisen und Meinungen sein.

 

Am Anfang verursacht es bei manchen Menschen scheinbar körperliche Schmerzen, auch nur zu registrieren, dass Dinge unterschiedlich betrachtet werden können. In Anlehnung an die oben genannten Dehnungsschmerzen, schützt sich der Kopf vor Verletzungen. Es überfordert die geistige Reichweite und muss deswegen vermieden werden.

 

Doch ebenso in Anlehnung an Dehnungsübungen für den Körper, kann es sogar gesund sein, sich auf die mögliche Erweiterung des eigenen geistigen Horizonts einzulassen.

So wie Dehnen im körperlichen Bereich einen Ausgleich muskulärer Dysbalancen schaffen kann, so könnte das theoretisch auch im Geiste passieren.

 

Mit Gewalt geht gar nichts und schnell auch nicht

Dehnen, Stretching, das Training der Flexibilität setzt voraus, dass man sich darauf einlässt. Man braucht Zeit, sich mit dem Körper auseinanderzusetzen. Man muss mit dem eigenen Körper kommunizieren. Bei jeder neuen Dehnungsübung reagiert auch unser Körper erst einmal stur: „Nö! Kenne ich nicht. Will ich nicht. Habe ich noch nie gemacht. Geht nicht. Tut weh. Lassen. Aufhören.“

 

Nun können wir der Forderungen und dem Willen unseres Körpers nachgeben und es bleiben lassen. Oder wir gehen in Mini-Schritten vorwärts, geben dem Körper Zeit, respektieren seinen Schmerz, hören auf ihn, wiederholen, trainieren und geben nicht auf.

 

Natürlich können wir auch versuchen, den Körper zu zwingen, weil wir es ja schließlich besser wissen. Im Sport wissen wir alle, wie ein solcher Versuch endet.

 

Geistig ist es ähnlich

Die Erweiterung geistiger Horizonte setzt voraus, dass man sich dafür Zeit nimmt, dass man Gegenargumente nicht sofort vom Tisch wischt, dass man Meinungen anhört und die Schmerzen der anderen Partei, wenn diese sich auf neue Meinungen einlassen soll, ernst nimmt. Auch hier führt Zwang zu gar nichts.

 

Wertschätzende Kommunikation

Das Schlagwort schlechthin der letzten Jahre und Monate, wenn es um innerbetriebliche Schulungsmaßnahmen im Bereich Führung und Teams ging. Das war vor Corona.

In den letzten Monaten scheint diese wertvolle Grundlage gemeinsamen Miteinander-Redens wieder unbedeutender geworden zu sein. Schade eigentlich.

 

Agree to disagree

Wir sind uns darüber einig, dass wir uns nicht einig sind.

Klingt ein wenig wie Sokrates berühmte Aussage: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ (Korrekt übersetzt müsste es angeblich heißen: Ich weiß, dass ich nicht weiß.)

 

Sokrates ist sich des Umstands bewusst, dass ihm das Wissen, welches über jeden Zweifel erhaben ist, fehlt. Kluger Mann.

 

Wissen ist nie allumfassend. Das wäre auch schlimm und schade, denn dann könnte man die Forschung und Entwicklung auch aufgeben. Zwischen Schwarz und Weiß existieren viele Grautöne, manchmal sogar Farben.

Ein (wissenschaftlicher) Diskurs setzt voraus, dass sich alle Parteien der Wahrscheinlichkeit bewusst sind, dass sie falsch liegen könnten. Trotzdem oder gerade deswegen interessieren sie sich für die Betrachtungen anderer.

 

Und am Ende eines Tages kann man dem anderen mit Respekt begegnen, obwohl man festgestellt hat, dass sich der andere nicht von der eigenen Sichtweise hat überzeugen lassen.

Agree to disagree – ein hohes Ziel!

Donnerstag, 14. Mai 2020

Was man oft vergisst


Jeder ist sich selbst der Nächste. Prinzipiell ist das nicht verwerflich, aber es stimmt so auch nicht immer ganz. Gerade in schweren Zeiten ist es wichtig, sich nicht in Selbstmitleid zu panieren. Stattdessen muss man sich öfter mal selbst in den Allerwertesten treten und die Perspektive für die öffnen, die aus ganz anderen Gründen an der Situation verzweifeln.

 

Das können die doch nicht machen

Auch hinter diesem „die“ stecken Menschen. Menschen, die Entscheidungen nicht leichtfertig treffen. Menschen, die sich Gedanken machen. Menschen, die Verordnungen nicht nur erstellen, sondern auch durchsetzen müssen. „Die“ ist keine gesichtslose Masse.
Wenn uns etwas nicht passt, wenn wir traurig, wütend oder sauer sind, so können wir nur schlecht auf eine Sache sauer sein. Das bedeutet, dass wir der Sache ein (oder mehrere) Gesichter geben (müssen). Sachlagen werden personalisiert und es kann sich ein richtiger Hass auf die Personen entwickeln, die eigentlich auch nur ihren Job machen.

 

Ich tu mir leid – ich tu mir so schön leid

Ich glaube, es handelt sich dabei um ein Fragment eines Songtextes von Eisbrecher. Manchmal muss man sich in (Selbstmit)Leid panieren, um den Schmerz und die Tiefe dessen, was es in uns auslöst auch ganz verstehen und begreifen zu können. Das ist notwendig und gehört meines Erachtens zur Bewältigungsarbeit dazu. Aber dann muss auch wieder Schluss sein.

Fast wie beim Fahrradfahren. Berg runter einfach laufen lassen, oder sogar noch selbst in die Pedale treten, aber nur, damit man auf der anderen Seite die Steigung wieder leichter schafft.

Man muss sich also selbst eine Deadline setzten, wann dann auch mal mit dem Gejammer Schluss ist.

 

Der Tritt in den Allerwertesten

Wir kennen das vom Training. Eine Zwangspause ist hart und am Anfang fehlt es uns wirklich und wir sehnen uns danach. Dann tut es nicht mehr ganz so weh und schließlich gewöhnt man sich daran und wird faul. Fallen, wie in den jetzigen Zeiten, die verbindlichen Termine weg, ist es noch schwerer, sich aufzuraffen. Großes Lob an alle Personen, die die sportliche Betätigung nicht vergessen oder vernachlässigen. Online-Kurse sind nicht jedermanns Sache, das soll hier auch gar nicht das Thema sein. Körperliche Betätigung hilft uns. Sie schützt uns. Sie hilft dabei Stresshormone abzubauen und unser Herz gesund zu halten. Stress haben wir alle im Moment mehr als genug (Achtung: Stress muss nicht immer gleichbedeutend sein mit einem Berg an Arbeit, er kann auch „nur“ im Kopf entstehen). Sorgen fressen sich in unser Herz und machen es schwer. Gerade in solchen Zeiten in denen es darum geht, Gesundheitsgefahren für viele zu bannen, schleichen sich andere Gefahren ein, die man zunächst so gar nicht erkennen würde.

 

Der Tritt in den Hintern bedeutet aber nicht nur, dass man sportlich und körperlich (wieder) aktiv wird/bleibt, sondern auch, dass es wichtig ist, die Perspektiven zu wechseln und echte Empathie dort walten zu lassen, wo es uns schwerfällt. Und so kommen wir wieder zu „denen“ vom Anfang zurück.

 

Ignoranz

Die sind schuld an
Das machen die absichtlich

Die Situation macht uns allen keinen Spaß. Niemand hat sich das ausgesucht und vieles ist nicht mehr nachvollziehbar und verständlich. Ohnmacht, Wut und Aggression steigen und irgendwo müssen diese Empfindungen hin. Das kann überlegt passieren oder in hilfloser Ohnmacht auch entarten.

 

Ich habe in den letzten Wochen viel Ignoranz erlebt. Ignoranz in der Form, dass ich einfach ignoriert wurde. Das ist überhaupt kein schönes Gefühl, wenn man sich dann eventuell auch noch im oben beschriebenen Selbstmitleid paniert.

Aber – und das ist viel wichtiger – ich habe auch viel Zuspruch erfahren, dort, wo ich ihn vielleicht nicht erwartet hätte. Ich habe sehr nette Antworten bekommen und habe erlebt, dass es durchaus Politiker und Politikerinnen, Verbandsvorsitzende und Mitarbeiter von Behörden gibt, die sich einsetzen, die sich kümmern, die einem mit Wertschätzung begegnen.

Dafür gebührt all diesen Personen Dank!

 

Hiob hat viele Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen

Viel häufiger ist es allerdings so, dass wir „die“ ja gar nicht erreichen, sondern viel eher die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von Behörden, von denen wir auch vorurteilsbehaftet denken, es würde sie nicht interessieren, sie wären langsam und hätten keine Ahnung von der „Welt da draußen“. Diese Personen bekommen dann unseren Unmut, unsere Ungeduld und unsere Sorgen, Ängste und Nöte ab, müssen unseren Frust erdulden.

Dabei machen sie nur ihren Job und haben dabei das Pech, dass sie eben greifbarer sind als andere.

 

Behörden halt

Auch diese Personen haben es sich nicht ausgesucht, jetzt mit Anträgen, Mehrarbeit, Fragen auf die niemand eine Antwort hat, bombardiert zu werden. Auch diese Personen sind nur begrenzt belastungsfähig. Auch diese Personen haben Mitgefühl und so gehen auch diesen Personen die Schicksale nach, auch wenn man daran zunächst gar nicht denken mag.

 

Natürlich denken wir an die vielen Menschen, die an „vorderster Front“ (ich mag den Begriff nicht, er klingt nach Krieg) ihre Arbeit verrichten, aber wir sollten auch die nicht vergessen, deren Tätigkeiten ebenso wichtig sind und die generell in unseren Augen im Moment sowieso mehr falsch als richtig machen. Das ist nicht fair. In vielen Situationen sind sie nur der Überbringer von Nachrichten und Anordnungen, die uns nicht gefallen!

Aber hey: „Don’t shoot the messenger”

 

In diesem Sinn auch Danke an diese Personen!

 

Freitag, 8. Mai 2020

Brot und Spiele – UND Baumärkte


Wir haben alle eine Verantwortung in einer Gesellschaft, die wir zu übernehmen bereit sein sollten. Dazu gehört es auch, sich an Regeln zu halten. Je verständlicher die Regeln sind, je fairer diese auf- und umgesetzt werden, umso mehr bleibt das Gefühl, wir alle würden im selben Boot sitzen. Fernab aller Verschwörungstheorien fällt dies zunehmend schwer, je genauer man sich die Regeln betrachtet.

 

Föderalistisches System

Nachdem ich politisch ziemlich ungebildet bin, will ich hier gar nicht näher auf den Sinn oder Unsinn des föderalistischen Systems eingehen. Nur so viel: Kennt ein Virus sich damit auch so gut oder schlecht aus wie ich? Also hält es sich dann in den unterschiedlichen Bundesländern auch an die unterschiedlichen Regeln? Warum ist die Ansteckungsgefahr beispielsweise in Fitnessstudios in NRW geringer als in Bayern? Wie gesagt, ich verstehe es nicht.

 

Zeitungen

Während der ganzen Zeit des Lock-Downs hatten Tabak- und Zeitschriftenläden geöffnet. Mehr oder weniger nachvollziehbar. In Ordnung.

Wenn ich mir im Laden Zeitschriften ansehen und kaufen kann, warum müssen Zeitschriften dann beim Friseur weggeräumt werden?

 

Umkleiden

In den Bundesländern, die ihre Sportstätten wieder öffnen, ist es streng untersagt, die Umkleiden zu benutzen. Die Geschäfte, die Oberbekleidung anbieten, sind (ich lasse mich hier gerne eines Besseren belehren, wenn meine dürftige Recherche dazu ausschließlich zu den falschen Ergebnissen geführt haben sollte) die Anproben geöffnet. Es wird der Hinweis gegeben, dass das Anprobieren der Kleidungsstücke „über den Kopf“ unterlassen werden sollte (https://www.bghw.de/die-bghw/faq/faqs-rund-um-corona/spezielle-fragen-fuer-beschaeftigte-im-handel-und-in-der-warenlogistik/was-ist-im-einzelhandel-bei-der-ausgabe-von-waren-zur-anprobe-und-bei-deren-ruecknahme-sowie-bei-der-annahme-von-reparaturen-und-retouren-zu-beachten), aber auch gleichzeitig der beruhigende Hinweis gegeben, dass das Ansteckungsrisiko mittels eines Kleidungsstückes, was eine fremde andere Person vorher anprobiert hat, extrem gering wäre (https://www.rtl.de/cms/in-geschaeften-shoppen-waehrend-corona-kann-ich-mich-beim-kleidung-anprobieren-anstecken-4525596.html).

Aha!

 

Fahrradfahren

Ein Austausch mit meinem Neffen, der in Frankreich lebt (ja, jetzt gehen wir sogar über die Landesgrenzen hinaus) brachte eine weitere seltsame Regel zutage: Sport im Freien ist erlaubt, man darf joggen. Fahrradfahren ist allerdings untersagt. Den Grund dahinter versteht allem Anschein nach nicht mal die französische Gendarmerie, die nach Aussage meines Neffen, zwar Fahrradfahrer auf das Verbot hinweisen, aber nicht zu Anzeigen oder dem Verhängen von Bußgeldern greifen würde.

 

Brot und Spiele

Wie im alten Rom scheint es manchmal, dass es wichtig ist, im Zuge immer mehr aufkeimender Fragen, das Volk ruhigzustellen. Gebt dem Volk Essen und Genussmittel und Fußball.

Abstandsregeln sind hier dann nicht mehr so wichtig? Sport ist nur dann wichtig, wenn er wirtschaftlich interessant ist UND gleichermaßen das Volk ruhigstellen kann? Und Buhmann ist der, der aufdeckt, dass sich eben viele nicht an die Regeln des Mindestabstands und der Kontaktsperre halten?

Ich habe mich dazu lang ausgelassen, habe mit der Bitte um sportlichen Zusammenhalt einen Brief an den DFB und alle Vereine der 1. Und 2. Bundesliga geschrieben (hier: https://www.rtl.de/cms/in-geschaeften-shoppen-waehrend-corona-kann-ich-mich-beim-kleidung-anprobieren-anstecken-4525596.html).

 

Baumärkte

Und Baumärkte! Baumärkte sind auch ganz wichtig. So ein bisschen fragt man sich schon, warum das so ist? Kann es sein, dass man so die (ACHTUNG KLISCHEE) Ehefrauen ruhigstellen kann, die sich endlich ein verschönertes Wohnzimmer wünschen und die Ehemänner gleich auch, weil sie tagsüber dann was zu tun haben und abends Fußball gucken können?

 

Und jetzt?

Keine Ahnung! Sinnlose Revolte, das ungenierte Teilen irgendwelcher abstruser Verschwörungstheorien oder das trotzige Verhalten, sich über bestehende Regeln hinwegzusetzen kann nicht das Mittel der Wahl sein.

 

Blick in die Zukunft

Was ich mich ernsthaft frage ist, wie ich bei folgendem Fall vorgehen sollte?: Nehmen wir mal an, auch wir in Bayern dürfen irgendwann mal wieder unsere Sportstudios (groß, klein, mittel, mikro, mini) öffnen.
Sicherlich wird dann eine Maximalzahl an Personen festgesetzt werden, die sich in den Räumlichkeiten aufhalten darf. Was passiert, wenn die Polizei oder das Ordnungsamt kommt und die Einhaltung der Regeln und des Hygienekonzepts überprüfen möchte?
Muss ich den Personen Einlass gewähren? Und wenn ja und wenn dadurch die zulässige Personenanzahl überschritten würde, muss ich dann erst Kunden aus dem Studio rauschmeißen? Alle Kunden sind mir beispielsweise bekannt (namentlich) und mögliche Infektionsketten wären gut nachvollziehbar. Dieser Umstand wird durch das Betreten fremder Personen, die unter Umständen dazu führen, dass die zulässige Höchstzahl überschritten würde, zunichte gemacht.

Wie soll ich mich denn nun richtig und gut verhalten?

 

Fragen wir einfach das RKI

Wenn man Berichten glauben darf (https://www.welt.de/debatte/kommentare/plus207808983/Corona-Krise-Wie-kann-das-RKI-ausgerechnet-jetzt-seine-Briefings-einstellen.html?cid=socialmedia.facebook.shared.web), werden die Informationen allerdings bis auf Weiteres eingestellt. Ich fühle mich etwas verloren, dabei würde ich doch so gerne meiner Verantwortung nachkommen und alles richtig machen.


Update auf Nachfrage:
Der Polizei und den Ordnungsbehörden muss man immer Einlass gewähren, egal wie viele Personen sich dann im Raum befinden....

Donnerstag, 23. April 2020

Zuviel Zug macht den Körper bockig


Die Frage, ob Stretching überhaupt etwas „bringt“ ,wird nach wie vor diskutiert. Auch stellt sich die Frage, was man unter Stretching versteht: Ist es das Lockern nach einer Trainingseinheit oder soll mittels eines gezielten Trainings eine Zunahme/Erhöhung der Flexibilität erreicht werden? Beide Ziele können mittels „Stretching“ erreicht werden, allerdings wird das Training je nach gewünschtem Ziel sehr unterschiedlich zu gestalten sein.
Neueste Forschungsergebnisse legen den Rückschluss nahe, dass ein gezieltes Training der Beweglichkeit eine gute Vorbeugung gegen verfrühte Alterserscheinungen darstellen kann und somit in jedem Falle Sinn macht. Doch es gibt auch einige Personen, die am Tag nach einem Flexi-Workout das Gefühl haben, es würde sich verschlechtern statt verbessern. Kann das sein?

Stretching als Abschluss

Man kennt das oftmals nicht sehr beliebte Stretching am Ende eines Work-Outs (nach Step-Aerobic, nach einem Poletraining, als Abschluss eines funktionalen Trainings etc.). Hier streiten sich, wie oben bereits erwähnt, die Geister, ob es überhaupt Sinn macht? Persönlich empfinde ich es als sinnvoll, denn ich merke, wenn es zu kurz gekommen ist oder ich es vergessen habe. Am nächsten Tag fühle ich mich dann „wie vom Bus überrollt“. Dieses Gefühl kann ich durch ein paar Stretching-Übungen am Ende minimieren.
Dieses Stunden-Abschluss-Dehnen hat nicht das Ziel der Zunahme der Flexibilität zum Ziel und kann dies auch nur marginal erreichen. Es dient der Lockerung, der Entspannung und tut (dem einen mehr, dem anderen weniger) gut.

Stretching als eigene Trainingseinheit

Möchte man mittels Stretchings die Beweglichkeit verbessern und bestimmte Ziele erreichen (Spagat, Brücke, etc.), so sind gesonderte, einzelne, eigene Trainingseinheiten notwendig, in welchem ausschließlich die Flexibilität trainiert wird. Grundvoraussetzung ist hier allerdings auch, dass der Körper gut erwärmt in das eigentliche Training startet, denn nur warme Sehnen und Bänder sind flexibel. Das darf man gerne mit einem Gummiband vergleichen. Lege ich es im Winter nach draußen und versuche dann, es in die Länge zu ziehen, reißt es entweder ganz oder es wird porös. Lege ich es in die Sonne, dann ist es weich und flexibel.

Entspannung versus harte Arbeit

Dienen die Dehnungsübungen am Ende eines Work-Outs der Entspannung und Lockerung, dem ruhigen Kursabschluss, so stellt ein gezieltes Training der Beweglichkeit harte Arbeit dar. Dieses Workout ist mindestens so anstrengend wie Krafttraining. Man schnauft manchmal wie eine Dampflok, man kommt mitunter sogar ganz schön ins Schwitzen und man merkt, dass eine Zunahme der Beweglichkeit immer auch vom Zusammenspiel von Kraftanstrengung und Dehnen abhängt.
Am Ende eines solchen Trainings ist man genauso müde und erschöpft wie nach jedem anderen Training auch.

Je mehr, desto besser?

Eben nicht. Was sich aus dem letzten Satz des oberen Abschnitts erschließt ist die Notwendigkeit, dem Körper Regenerationszeit zu bieten. Mittels eines gezielten Flexi-Workouts reizt man den Körper, man verbraucht seine Ressourcen, man triezt und triggert ihn. Danach sollte er sich erhohlen dürfen. So wie in jedem anderen Training auch, findet eine Leistungszunahme streng genommen nicht IM sondern NACH dem Training statt, wenn der Körper zur Ruhe kommen darf und sich – bildlich gesprochen – darüber Gedanken machen kann, was er da gerade durchgemacht hat und wie er das nächste Mal besser damit klarkommt.
Gönne ich dem Körper diese Ruhe nicht, wird er bockig und will gar nicht mehr. Dann riskiere ich Verletzungen, Übertraining oder sogar Rückschritte.

Mit Maß und Ziel

Wer dennoch wirklich jeden Tag stretchen möchte, dem sei ein sinnvoller Trainingsplan angeraten. Ein Tag Rücken und Schultern, am zweiten Tag Becken und Hüfte und am dritten Tag die Beine. Dann von mir aus wieder alles von vorne oder wirklich mal einen Tag Pause machen. Alles andere ist – meiner eigenen bescheidenen Meinung und meiner eigenen Erfahrung nach – unsinnig.


Kollateralschäden

Eine Zerrung ist übel. Eine Zerrung wirft einen um Wochen zurück. Sie ist schmerzhaft und wenn es passiert ist, dann wünscht man sich, die Zeit bitte nur um 10 Sekunden zurückdrehen zu dürfen. Um derartige Kollateralschäden zu vermeiden, ist es wichtig, umsichtig, konzentriert, ausgeruht, tief atmend und überlegt an die ganze Sache heranzugehen.
Kann man einen schlimmen Muskelkater im wahrsten Sinne des Wortes verschmerzen, wächst ein abgebrochener Fingernagel ziemlich schnell nach und heilen auch blaue Flecken binnen ein paar Tagen ab, so hat man von einer Zerrung über Monate was.


Persönliche Empfehlung

Für die Zunahme der Beweglichkeit ist es wichtig, gesonderte Trainingseinheiten durchzuführen. Auch hier benötigt der Körper Regenerationsphasen. Je mehr desto besser ist im Training selten gut und zahlt sich auch beim Flexi-Workout nicht aus. Wenn der Körper müde ist, muss er sich ausruhen können. Gras wächst auch nicht schneller, wenn man dran zieht.

Mittwoch, 15. April 2020

Trainingsroutine


Jeden Tag ein paar frische Socken und Unterwäsche. Waschen, Duschen, Zähne putzen, sich herrichten. Routine. Notwendig. Wird halt gemacht.
Wie gut das Gefühl ist, diesen Routineaufgaben nachzugehen, wissen alle, die nach einer überstandenen Erkrankung oder auch nach einiger Zeit, in der man auf diese Dinge vielleicht sogar freiwillig verzichten musste, eine wohltuende Dusche genossen haben, frische Klamotten anziehen  und sich die Zähne putzen konnten.
Was hat das mit Training zu tun? Mehr als man glaubt.

Rien ne va plus – nichts geht mehr

Endlich mal kein Sport! Wer sich das denkt oder dachte, der zeigt, dass Sport nie zu den Dingen gehörte, die freiwillig und gerne ausgeführt wurden. Zwang, extrinsische Motivation und gesundheitliche political correctness haben dazu beigetragen, dass man sich 1x pro Woche zum Sport gequält hat. Eine laufende Nase oder eine 5minütige Verspätung beim Verlassen des Büros waren willkommene Ausreden, dass man es „heute leider nicht schafft.“

Ist so. Jeder Mensch ist anders. Katz mag Mäus – I mogs ned!

Diese Personen freuen sich darüber, endlich mal keine Ausreden finden zu müssen. Die Ausrede wird ja von staatlicher Seite geliefert. Die Fitnessstudios haben geschlossen, die Tanzschulen auch, die Hallenbäder sowieso, die Sportvereine ebenso. Und online? Nee, da hapert es an der Technik.

Also selbst wenn man wollen würde, dann geht es aufgrund der äußeren Bedingungen nicht, man kann da gar nichts dafür. (Manch eine Person mag sich denken: „Gott sei Dank lebe ich auf dem Land und meine Internetverbindung, über die ich mich jahrelang beim Streamen von Filmen beschwert habe, ist so schlecht, dass das mit den Online-Kursen gar nicht gehen würde!“)

Zähne putzen müssen oder wollen

Wer rastet der rostet. Zugegeben ist es nicht ganz einfach, sich zur Bewegung aufzuraffen, wenn man nicht will und nicht muss.
Man muss auch nicht die Unterwäsche wechseln, die Socken auch nicht und wenn man niemanden sieht, dann muss man auch nicht duschen oder Zähne putzen.
Igitt? Stimmt.

So schön rasierte Beine

„Du rasierst Dir noch die Beine? Ich sehe aus wie ein Yeti.“ – das war das Feedback auf ein Sommerbild der letzten Tage (natürlich gepostet bei Facebook). Auch hier stellt sich die Frage, für wen oder warum tat ich das, was gestern noch Routine war? Für andere, weil es jemand sehen konnte, weil ich einen gewissen Zwang verspürte? Oder weil ich es wollte?

Du machst noch Sport?

Keiner muss, jeder kann (wenn er will). Bewegungsroutine hilft der Psyche, hilft dem Immunsystem und schafft Struktur im Alltag, der keiner mehr ist. An Online-Angeboten mangelt es nicht und die Ausreden zählen auch nicht wirklich.
Wer keinen Sport machen möchte, dem sei das gegönnt, nur sollten diese Personen dazu stehen, dass sie lieber faul auf der Couch liegen und nicht die Corona-Krise oder die Technik dafür verantwortlich machen.

Bewegungsroutine und Pflegeroutine sind die Dinge, die wir selbst in der Hand haben, wenn uns von außen alles genommen wird. Halten wir daran fest, es wird sich auszahlen!

Donnerstag, 9. April 2020

Masken statt Sportstunden




Flexibilität benötigt Training. Manchmal hat man für Training keine Zeit, da muss es schnell gehen. Heute geht es um die geistige Flexibilität, um Einstellungen zu den eigenen Handlungsfeldern und um die Wertschätzung der eigenen Fähigkeiten.

Körperliche versus geistige Flexibilität

Für das Training der Flexibilität im sportlichen Sinne benötigt man vor allem eines: Geduld.
Wer zu schnell zu viel von seinem Körper abverlangt, der zahlt dafür meist mit Verletzungen. Überdehnte Sehnen und Bänder, Risse.

Geistige Flexibilität ist ebenso eine Frage des Trainings, doch manchmal hat man schlicht keine Zeit, zu trainieren, sondern muss Flexibilität beweisen, ohne einschätzen zu können, in welche Gefahren man sich begibt.
Man wandelt auf dünnem Eis und droht jederzeit einzubrechen: Mental und körperlich.
Überstrapazierte Ressourcen, Risse in der Seele sind die Folge, die man währenddessen kaum abschätzen kann.

Wie im körperlichen Training der Flexibilität ist es wichtig, in sich hineinzuhören und hineinzuspüren. Das bedeutet nicht, dass man sofort Auswege und Lösungen findet, aber man sollte achtsam bleiben. Schlafstörungen, Unruhe und Sorgen sind in den heutigen Zeiten normal, aber der Körper wird sie auf Dauer nicht wirklich wegstecken können.

Verordnete Untätigkeit ist Ohnmacht

Für manche ist die auferlegte Untätigkeit empfundene Ohnmacht. So auch für mich. Aus diesem Grunde habe ich angefangen, die Masken zu nähen. Zum einen, um etwas tun zu können, zum anderen auch, das gebe ich ganz offen zu, um diese zu verkaufen, denn natürlich sind auch uns sämtliche Einnahmequellen von heute auf morgen weggebrochen.

Online-Kurse und das Anfertigen von Masken. Schnell geschrieben - tatsächlich ein Full-Time-Job.
Denn auch die Online-Kurse verlangen von allen Beteiligten viel ab. Als Trainer möchte man sich bestmöglich auf seine Teilnehmerinnen und Teilnehmer einstellen, wie immer. Im Online-Training kommen die häuslichen Voraussetzungen der teilnehmenden Personen noch dazu. Man versucht also Alternativen zu finden - überall. Sei es die berufliche Betätigung, sei es das Unterrichten. Wie kann ein Spin, eine Übung, ein Workout so gestaltet werden, dass jede teilnehmende Person einen Mehrwert genießen kann? Wie leitet man ordentlich an, ohne die Teilnehmer zu sehen? Wie stellt man sicher, dass die Teilnehmer folgen können? Wie ist die Ton- und Bildqualität? Wie die Lichtverhältnisse?

Je besser es funktioniert, umso mehr wünschen sich die Teilnehmer: Tipps, Tricks, Verbesserungen, Anleitungen und mehr. Manchmal wirklich schwer, wenn man nur einen Teil des Körpers der teilnehmenden Personen sieht und diese zum Teil nicht versteht.

Nach den Online-Classes bin ich richtig ausgelaugt. Das liegt daran, dass man als Trainer eben auch alleine im Studio ist, das liegt am Anspruch, den man an sich selbst stellt, das liegt an der mangelnden Routine.
Nach Hause zurückgekehrt flüchtet man sich in die nächste Arbeit, die weniger geistige Konzentration abverlangt: Man näht weiter.

Pausen? Wozu?

Ich habe im Moment wahnsinnige Angst. Existenzangst, Sorgen und Gedanken. Gedanken, Sorgen und Existenzängste. Es ist belastend und überschreitet vielleicht schon mögliche Grenzen. Was aber, wenn man sich "hinterher" sagen muss, man hätte "mehr" tun können?
Wann ist "hinterher" und was wäre "mehr" gewesen? Das sind Fragen, die niemand beantworten kann und die ihrerseits nicht zur Ruhe beitragen.

Die Situation der kleinen und mittelständischen Unternehmen

Isabella Mauss (http://www.kanzleimauss.de/) eine Teilnehmerin unserer Kurse hat dies alles verstanden und mich zum Interview eingeladen.
Das Video dazu findet ihr hier: https://youtu.be/oNmBCSLD_vY

Ich sende Euch ganz herzliche Grüße, freue mich über Eure Rückmeldungen, wünsche Euch frohe Ostern.
Passt auf Euch auf und haltet Euch fit.








Freitag, 3. April 2020

Challenge accepted - Online-Kurse



2 Wochen im Ausnahmezustand. Seit 2 Wochen kein reeller Kurs, seit 2 Wochen kein Face-to-Face Kontakt mit lieben Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Hart. Es fehlt der Spaß, der Austausch. Es fehlt die Routine. Es fehlt der oftmals so despektierlich betrachtete Alltag.
Seit 2 Wochen laufen bei uns die Online-Kurse, zunächst, mangels Internet-Anschlusses im Studio, von zu Hause aus, seit Dienstag im Studio.
Eine Zusammenfassung

Virtuell kann man nicht trainieren

Wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich schon oft darüber nachgedacht, einige der Kurse, die bei CrazySportsAugsburg laufen, zusätzlich auch online anzubieten. Immer wieder kamen Fragen von Personen, die aufgrund zu hoher Entfernung (Nordsee – Bayern) nicht an den laufenden Kursen teilnehmen können.
Das GEHT NICHT. Punkt. Man muss den Teilnehmer sehen können, man muss als Trainer auch mal Hand anlegen, man muss Hilfestellung geben und sichern und und und und.
Stimmt. Kein virtueller Kurs kann einen Live-Kurs ersetzen. Wird er nie können. Ist auch gar nicht das Ziel, kann es auch nicht sein.

Trainerausbildungen online
Seit knapp 3 Jahren führen wir unsere Trainerausbildungen auch Online durch. Das funktioniert sehr gut. Man lernt den Teilnehmer kennen, die Trainerausbildungen ziehen sich über durchschnittlich 5 Monate, man hat jede Woche Kontakt, die Teilnehmer bekommen ein individuelles schriftliches Feedback zu jeder Einheit. Die Qualität der Ausbildung steht der Ausbildung, die im Präsenzunterricht stattfindet, tatsächlich in nichts nach.
Aber KURSE?

Kurse online
Nun, Not macht erfinderisch und wenn man sich ziert, dann tritt einem das Leben eben manchmal in den Hintern. Manchmal heißt der Tritt dann „Shut-Down“.
Ich habe geweint, ich habe geflucht, ich habe verhandelt, ich habe mich dem Schicksal ergeben. 5 Wochen gar nichts machen kommt aber nicht in die Tüte. Als am Sonntag, den 15. März klar war, dass der Shut-Down kommen wird, wurde der Telefonanschluss für das Studio beantragt, der in den letzten 6 Jahren nicht notwendig war. Jetzt eben schon.
Schaltungstermin 31.03.2020. Und was bis dahin? Online-Kurse von zu Hause aus. Da wurde ein entsprechender Raum gesucht (Treppenhaus-Galerie), umgestaltet (neue Vorhänge müssen her, die sehen ja übel aus) und dann ging’s los. Am Samstag, den 21.03. fand die erste Yoga-Stunde statt, es folgte funktionales Training, Stretching und mehr. Nur Pole und Hoop – das geht zu Hause nicht. Seit Dienstag laufen alle Kurse im Studio: Yoga, Pilates, BBP, Stretching, Flexi-Yoga, funktionales Training aber eben nun endlich auch Poledance und Aerial Hoop.

Trainerempfinden
Für die teilnehmenden Personen ist es wichtig, dass sie den Trainer in „groß“ sehen und gut verstehen. Das klappt am besten, wenn alle ihre Kamera und ihr Mikro ausschalten. Der Trainer spricht also in einen leeren Bildschirm. Die ganze Zeit.
Gruselig. Komisch. Man fühlt sich allein. Gut (augenzwinkernd gemeint), manchmal bekommt man auch im realen Kurs kein Feedback und muss die teilnehmenden Personen bitten, eine Antwort zu geben, aber da bleibt wenigstens noch die sichtbare Präsenz der Personen, ihre Mimik, ihre Gestik, die Körpersprache.

Selbstvertrauen vorausgesetzt
Als Trainer kommt man da nur durch, wenn man sich der Angst und der eigenen Unsicherheit stellt und einfach loslegt. Noch ein bisschen mehr kommentieren, was man tut, noch ein bisschen mehr motivieren, sich vorstellen, dass die Teilnehmer live vor Ort wären und den eigenen Fähigkeiten vertrauen. Gibt der Trainer ein Bild der Unsicherheit ab, wie soll sich denn dann ein Teilnehmer auf der anderen Seite fühlen?
SABTA: Souveränes Auftreten bei totaler Ahnungslosigkeit? Nicht ganz. Jeder Trainer weiß, was er kann, er hat seine Erfahrungen, er kennt die Gruppendynamik und er weiß, dass er gut unterrichten kann. Außerdem KÖNNEN die Teilnehmer ja Feedback geben und man gestaltet den Kurs gemeinsam, findet Verbesserungspotentiale, tauscht sich aus.
Geht also. Es ist schwer. Es ist anstrengend, es ist irgendwie so, als ob man nur auf einem Auge sehen könnte und dennoch mit 120km/h auf einem Einrad den Berg herunterfährt, aber da muss ein Trainer durch.
Wir haben unseren Job geheiratet, da heißt es eben dann auch hier: In guten wie in schlechten Zeiten!

Teilnehmerverhalten und Kundenstimmen
Auf der einen Seite gibt es Teilnehmer und Teilnehmerinnen, von denen man vom ersten Tag des Shut-Downs nichts mehr gehört hat. Keine Rückmeldung, keine Nachfragen, auch offene Rechnungen werden nicht beglichen, weil es ja im Moment auch keine Kurse gäbe. Richtig. Hier könnte man nur sinnlose Diskussionen anfangen (Rechnungsdatum, Zahlungsziel, AGB etc.) oder es bleiben lassen (habe mich für Letzteres entschieden, weil ich für diese Diskussionen im Moment keine Kraft habe).
Teilnehmer, die ohne jemals eine Online-Stunde ausprobieren zu wollen, sofort meckerten. Okay. Ist Geschmackssache. Ja, ich wäre auch lieber im Studio. Abhaken, zieht einen in der eigenen Ohnmacht und Trauer nur noch mehr runter. Ist traurig, aber nicht zu ändern.

Aber es gab auch viele liebe Rückmeldungen von Personen, von denen man es vielleicht gar nicht erwartet hätte: Care-Pakete zur seelischen Unterstützung. Liebe Mails mit solch dankbaren Worten, dass es einem vor Rührung die Tränen in die Augen trieb. Personen, die noch nicht mal die Möglichkeit hatten, eine einzige Live-Stunde mitzumachen, weil sie just erst im April hätten anfangen wollen, die sofort auf die Online-Kurse umgeswitcht sind.
Wahnsinn. Was da passierte war einfach nur großartig.

Als dann die Online-Kurse starteten war interessant, dass die meisten Teilnehmer und Teilnehmerinnen viel relaxter damit umgehen als man es am Anfang vermutet hätte. Zahlreiche Teilnehmer waren sofort dabei, neue kamen hinzu, die aufgrund der Entfernung sonst nie teilgenommen hätten, andere lobten die neuen Möglichkeiten (ich muss nicht mehr raus, ich kann unter professioneller Anleitung den Kurs von zu Hause aus machen!), andere bitten schon jetzt darum, später – wenn dann die Krise vorbei ist – dies als Zusatzmöglichkeit doch irgendwie aufrecht zu erhalten.

Erkenntnisse
Eine Krise ist auch immer eine Chance. Gut, manche Chancen möchte man NICHT offeriert bekommen, auf andere wartet man vergeblich. Jetzt gilt es einfach weiterzumachen. Ich, ein Mensch, der gerne plant und am besten schon heute weiß, was übermorgen ist, kann das nicht. Dachte ich. Wenn einen das Leben in den Hintern tritt, dann stolpert man manchmal auch vorwärts. Wo der Weg endet kann ich nicht sagen, aber ich werde ihn weitergehen!