Freitag, 22. November 2019

Ganzheitliches Training - immer sinnvoll?


Ganz oder gar nicht! – Erst die Verstrebungen bringen die Kraft

Ein Song von Wolfgang Petry, eine Komödie über arbeitslose Stahlarbeiter, die eine Stripgruppe bilden, um ihre Stütze aufzubessern, eine Aussage über (scheinbare) Wahlmöglichkeiten, eine Ansage an die eigene Motivation und vieles mehr.

Ganzheitlichkeit – nur ein inflationär benutzter Begriff?

War es vor kurzem noch das Wort „Wertschätzung“ welches sinnbildlich für alles Gute im menschlichen und sozialen Miteinander steht und stand, so ist es heute die Ganzheitlichkeit. Ganzheitlich ist gut. Ganzheitlich verspricht Erfolg. Ganzheitlich ist intensiv.

Ganzheitlich bedeutet aber auch, alles wahrzunehmen und mit allem umzugehen. Mit den (scheinbaren) Defiziten und den vorhandenen Stärken, mit Deprivationen und Fülle.

Ganzheitliche Beratung

Ganzheitliche Beratung beispielsweise ist mehr als nur die Verordnung eines Medikaments oder einer Vorgehensweise, die Symptome bekämpft. Ganzheitliche Beratung ist nicht nur ein Ratschlag, sie geht tiefer. Ganz gleich in welchem Bereich. Ob es sich nun um einen ganzheitlichen Coachingansatz, oder um ganzheitliches (sportliches) Training handelt, hier wird von allen Beteiligten mehr als nur ein Teilbereich gefordert (und gefördert).

Nach einer klaren Ist-Stand-Analyse, die das Thema definiert, werden die vorhandenen Ressourcen betrachtet, eine Lösung gesucht, verglichen, ob die Lösung zur Person passt, die Strategie der Lösung individuell angepasst und danach gemeinsam umgesetzt. Das Gegenüber wird nicht allein gelassen.

In der Pädagogik beschreibt der ganzheitliche Ansatz analog das Einbeziehen der affektiv-emotionalen Aspekte neben den traditionell kognitiv-intellektuellen Aspekten. Lernen geht eben nicht nur im Kopf vonstatten.

Ein gesunder Ansatz?

Ganzheitlichkeit mit dem Ziel der vollkommenen Gesundheit?

"Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und 
sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Freisein von Krankheit und Gebrechen." (Definition WHO, 1946)


Geht nicht! Niemand fühlt sich vollständig wohl. Jeder hat sein Päckchen zu tragen und Themen und Herausforderungen, die den Alltag mehr oder weniger mitbestimmen.
Es muss also allen Beteiligten klar sein, dass die Suche nach Ganzheitlichkeit dem Weg der Erleuchtung gleichkommen könnte: Langwierig, schwierig, herausfordernd und nur für wenige zu erreichen.

Na dann kann man es auch bleiben lassen, oder? Also lieber gar nicht als ganz?
Ein ganzheitlicher Ansatz, egal ob im Sport oder in der Beratung ist ein sinnvoller Weg. Angeblich sagte Antoine de Saint-Exupéry einmal:

„Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem Meer.“

So ist es im Sport, so ist es im Berufsalltag. Man kann Aufgaben verteilen, Übungen machen, Trainingspläne erstellen und wird damit auch Erfolg haben. Die Halbwertszeit ist allerdings kurz. Teams müssen (gefühlt) nach jeder erledigten Aufgabe neu angelernt werden, das Körpergefühl im sportlichen Training wird nur leidlich verbessert. Man tut zwar etwas, aber weiß eigentlich nicht warum und wozu, erwartet aber dennoch die erhofften Erfolge.

Was Ganzheitlichkeit verlangt

Ganzheitlichkeit wird in diesem Miteinander aus Trainer/Coach und Gegenüber (im Sport oder Berufsalltag) in aller erster Linie vom Trainer verlangt. Er/sie muss gewillt sein, sich ganz einzubringen. Und zu „ganz“ gehört hier eben auch die Psyche, die Persönlichkeit, der Charakter, die eigenen Emotionen, die eigenen Bedürfnisse, das Wissen um und die Handhabung der eigenen Stärken und Schwächen und die Offenheit.

So lange ein Trainer/Berater/Coach sich selbst nicht ganzheitlich einbringt, kann er dies auch nicht von seinen Teilnehmern und Teilnehmerinnen, von seinen Klienten und Klientinnen oder auch von seinen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen verlangen.

Ganzheitlichkeit polarisiert

Wer sich als Dienstleister (in welchem Bereich auch immer) dermaßen einbringt, arbeitet ganzheitlich, was allerdings auch bedeutet, dass er oder sie ganzheitlich Energien nutzt und verbraucht.
Wer sich komplett offenbart und in seiner Tätigkeit aufgeht, lässt das Gegenüber an Überzeugungen, Emotionen und eigenen Werten teilhaben. Das wird polarisieren.
Eine Einstellung, die die eigene Tätigkeit als puren „Job“ bezeichnet, sieht das nicht vor.

Dementsprechend muss nicht nur das Gegenüber auf die Bedeutung der Ganzheitlichkeit vorbereitet werden, sondern der Dienstleister auch.

Ganzheitlichkeit kann nicht immer und überall und in jedem Bereich erreicht werden kann, noch ist diese überall sinnvoll.
Wenn man sich einen Dorn eingetreten hat, so möchte man eine kompetente Person, die diesen Störfaktor professionell und ohne Folgeschäden entfernt. Hier sucht man bestimmt nicht nach einem Menschen, der zunächst einmal grundsätzliche Fragen nach der Lebensgestaltung stellt, um herausfinden zu können, wie dieses „große Unglück“ überhaupt passieren konnte und welchen Anteil an diesem „Unfall“ die geschädigte Person selbst trägt.
So wird der Begriff der Ganzheitlichkeit in einigen Bereichen der Medizin auch verständlicherweise kritisch betrachtet bis abgelehnt.

Hohe Ziele

Im betrieblichen Gesundheitsmanagement hat man als Berater das Ziel, das Wohlbefinden der Teilnehmer und Teilnehmerinnen ganz allgemein und im beruflichen Umfeld zu verbessern. Als Trainer im sportlichen Bereich erwarten Kunden und Kundinnen (sichtbare) Erfolge durch die Inanspruchnahme der Dienstleistung. Der ganzheitliche Ansatz eines Beraters/Coachs verspricht mehr Ruhe, Gelassenheit, Selbstvertrauen und dadurch mehr Erfolg für das Gegenüber.

Grundsätzlich ist es gut, den Menschen mit all seinen Facetten zu betrachten. Die Psychosomatik tut dies schon lange, in dem sie körperliche Erscheinungen mit dem Denken und den psychischen Prozessen verbindet.

Der Prozess

Jede Person, die Ganzheitlichkeit verspricht/ vermitteln möchte/ erreichen möchte, sollte sich darüber im Klaren sein, dass damit ein Prozess angestoßen wird. Es ist kein Schalter, den man umlegt, sondern eine Entwicklung, die gemeinsam gestaltet wird.

Ist man dafür bereit? Möchte man Wege begleiten/gehen, auf denen Steine liegen werden, die Pausen verlangen, die nicht geradlinig sind?
Ganzheitlichkeit ist kein neues Feature oder ein neuer Fitnesstrend.

Es ist schön, wenn man als Sporttrainer den teilnehmenden Personen ein Verständnis für die gesamten Funktionsweisen mitgeben kann, wenn man ihnen hilft, Mechanismen zu erkennen, das Körpergefühl zu verbessern und mehr zu tun als „nur“ zu trainieren. Man muss sich aber auch bewusst sein, dass das nicht von jeder Person gewünscht ist.

Im Betrieb, im betrieblichen Gesundheitsmanagement und in der Unternehmensberatung ist das ähnlich. Manchmal möchte man einfach nur Lösungen haben, ganz bewusst OHNE ein Tiefenverständnis für die Hintergründe.
Wer sich allerdings bewusst auf Ganzheitlichkeit einlässt, der stößt einen Prozess an, der mehr als nur erfolgsversprechend ist.

Es geht immer darum, Begriffe und die damit verbundenen (entstehenden) Ideologien kritisch und vernünftig zu betrachten. Ganzheitlichkeit gehört dazu.

Ganzheitlichkeit in Petto

Ein guter Trainer/ eine gute Trainerin sollte allerdings die Fähigkeit besitzen, ganzheitlich zu agieren. Ganz am Ende darf ich hier kurz auf die gewachsene Verbindung zwischen dem Sportbereich (CrazySports Augsburg) und der Unternehmensberatung (Rebel-Management-Training) eingehen.
Die beiden Bereiche waren schon „immer“ parallel zueinander vorhanden. Erst die Verstrebungen zwischen den beiden Bereichen ermöglichen Ganzheitlichkeit und machen aus den starken Parallelen Schienen, auf denen man metaphorisch den Weg zum Ziel zurücklegen kann. Dann kann aus einem steinigen Weg eine ruhige Fahrt wie auf Schienen werden.

Donnerstag, 14. November 2019

Flexibilität trainieren - Für den Körper UND den Geist


Flexibilität – Die Kompetenz gegen das Altern

Offen für Neues. Neugierig. Wendig. Flink. Aufgeschlossen. Beweglich. Dehnbar. Gelenkig.

Lauter positive Eigenschaften. Die einen beziehen sich eher auf die Einstellung eines Menschen, die anderen eher auf seinen Körper. Beides setzt Training voraus.
In beiden Bereichen verlieren wir unsere Fähigkeiten, wenn wir sie nicht gebrauchen. In beiden Bereichen kostet es Überwindung und Kraft, verloren gegangene Fähigkeiten wiederherzustellen, oder auch nur die Potentiale zu entwickeln.
In beiden Bereichen kann es mit „Schmerzen“ und Missempfindungen verbunden sein, wenn wir uns „dehnen“ müssen. In beiden Bereichen versuchen wir deshalb häufig, uns davor zu drücken. In beiden Bereichen hätten wir gerne die positiven Effekte, die mit Flexibilität verbunden sind.

Flexibilität als Soft Skill

Flexibilität als Berufskompetenz beschreibt die Fähigkeit, sich anzupassen. Dabei spielt die Zeitkomponente eine wichtige Rolle. Je schneller wir uns anpassen können, je direkter wir auf eine Gegebenheit reagieren können, umso besser. Eine flexible Person ist nicht stur, steht dem Wandel aufgeschlossen gegenüber und kommt mit Veränderungen zurecht.
Die negative Seite der Flexibilität ist ein laxer Umgang mit Vorschriften, Regeln und vielleicht auch mit Loyalität. Flexibel ja, verlässlich aber bitte dennoch.

Flexibilität als Hard Skill

Sprechen wir von Flexibilität im sportlichen Bereich, beziehen wir uns eher auf die körperlichen Fähigkeiten. Füße über den Kopf, Spagat, Mittelspagat, Brücke, Bogengang, Schlangenmensch.
Auch hier tut Flexibilität gut. Auch hier kann ein zu großes Maß an Flexibilität Probleme mit sich bringen: Wenn die Muskulatur der (genetischen/ antrainierten) Biegsamkeit keinen gesunden Einhalt mehr bieten kann, dann kann es auf Dauer gefährlich für den Körper werden.

Training der Flexibilität

Beweglichkeit ist eine motorische Grundeigenschaft und Aufgeschlossenheit (geistige Flexibilität) angeboren. Wann geht sie uns verloren?

Nun körperlich betrachtet ist die Frage schnell beantwortet: Zu wenig Bewegung, zu einseitige Bewegungen, der Zwang des Stillsitzens, zu wenig Sport, kein gezieltes Training der Flexibilität plus Alterungsprozess ergibt stocksteifen Menschen.

„Das ist genetisch so! Dagegen kann ich nichts!“ – Diese Aussage kennt man. Stimmt bis zu einem gewissen Grad. Allerdings lässt sich ALLES verbessern, wenn man gewillt ist zu trainieren.

Jedes Training ist dabei ein Ausbrechen aus dem Gewohnten, setzt also schon vor der eigentlichen Übung Flexibilität (nämlich im Kopf) voraus. Flexibilität hier als Wille, sich auf Neues, Unbekanntes, Anstrengendes, vielleicht sogar Schmerzhaftes einzulassen, nicht sofort aufzugeben, es wieder und wieder zu versuchen, auch wenn man es nicht kennt und vielleicht sogar nicht sofort versteht.

Im Sport locken die Ziele und Vorteile und helfen über die Anstrengung und den Schmerz hinwegzusehen: Der Alterungsprozess wird verlangsamt, die Durchblutung verbessert, Verletzungen und Krämpfen vorgebeugt, Verspannungen gelöst, die allgemeine und sportliche Leistung verbessert.
All diese „Benefits“ locken uns und ermutigen uns.

Und wie trainiert man geistige Flexibilität?

Beginnen wir zunächst mit dem Unangenehmen. Wie im Sport auch muss man die geistige Flexibilität trainieren. Wie im Sport setzt das die Bereitschaft voraus, sich auf Neues und mitunter vielleicht sogar Schmerzhaftes einlassen zu wollen. Dabei ist nicht jeder Schmerz ein Schmerz, wir übersetzen dieses neue Gefühl häufig nur als Schmerz, weil es nicht sofort in die Kategorie „Wohlfühlzone-Faktor-Couch“ einzuordnen ist, also ist es doof und schlecht und muss weg.

Die gesunde Mischung macht’s

So wie es auch in sportlicher Hinsicht gilt, eine Hyperflexibilität zu vermeiden, so brauchen wir auch Menschen, die geistig an Werten festhalten und loyal sind. Überzeugungen und Werte sind dabei nicht mit Sturheit und Verbohrtheit gleichzusetzen. Sonst könnte ein stocksteifer Mensch, der keinen Funken Flexibilität besitzt und schon nicht mehr in der Lage ist, sich selbst die Schuhe anzuziehen, ja auch stolz auf diese „aufrechte Haltung“ sein.

Mittwoch, 6. November 2019

Die Kopie darf nur der Anfang sein



Kopieren, Nachmachen – Fake it till you make it?

Diesen Tätigkeiten und Verhaltensweisen stand ich immer schon mit gemischten Gefühlen gegenüber. Ja klar, niemand muss das Rad neu erfinden und natürlich orientiert man sich an Personen, die den Weg bereits gegangen sind und dabei erfolgreich waren. Lernen hat viel mit Abgucken zu tun. Im Sport kann man gar nicht anders: Wie macht es das „Vorbild“, wie kann ich es nachmachen? Genaues Beobachten und Kopieren ist hier sogar erwünscht.
Man stellt (Trainings-)Pläne auf, die von anderen Personen erstellt und für gut befunden wurden, man lässt sich erklären, wie eine Übung/ ein Trick/ ein Move funktioniert und versucht, diesen Erklärungen so detailgetreu wie möglich zu folgen, damit das Ergebnis so aussieht wie die Vorlage. Was also kann daran verkehrt sein?

Was mich daran stört, ist nicht das Verhalten an sich, welches zu Beginn einer neuen Tätigkeit, einer neuen Herausforderung fast immer zu finden ist, sondern vielmehr, dass dies das einzige Verhalten im Repertoire bleibt.
Den zweiten Teilsatz till you make it.“ überlesen viele geflissentlich, Kopieren reicht ja.

Auch im Sport, in der Akrobatik, im Tanz, bei der Erstellung von Trainingsplänen geht es früher oder später darum, den eigenen Weg zu finden, den eigenen Stil zu entwickeln. Nur so kann man unverwechselbar werden, eine Marke kreieren und den Weg finden, der am besten zum eigenen Ego und Körper passt.

Sport und Benchmarking

Auch zu Beginn von Benchmarking steht der Vergleich der eigenen Leistung/ des eigenen Produkts mit Produkten von Mitbewerbern, die „besser“ sind. Am Ende soll allerdings nicht ein Plagiat/ eine Kopie des Besten hergestellt werden. Der Vergleich dient der Analyse, worin die Unterschiede bestehen, der Klärung der Frage, warum man selbst nicht der Beste/Marktführer ist und der Genese von Verbesserungsmöglichkeiten. Soweit die Theorie.

Schein und Anschein

„Hat man vor einer neuen Herausforderung keine Angst, so ist sie zu klein.“ – sagt man. Stimmt in gewisser Weise. In allen Situationen, die uns Angst einflößen, suchen wir nach Sicherheit, nach einem Halteseil, nach Hilfestellung, nach probaten Wegen, die bereits gut ausgetreten sind, damit wir auf diesen den Pionieren einfach nachlaufen können. Wir kopieren Verhaltensweisen, schmücken diese mit dem richtigen Auftreten und Accessoires und hoffen, dass das Gegenüber uns das abnimmt, was wir uns selbst noch nicht glauben.

Das funktioniert sogar körperlich. Mittels des Bodyfeedbacks übermittelt unser Körper unserem Gehirn Signale. Ist das Auftreten entsprechend (groß, stark, stolz, mit Körperspannung, Rumpfstabilität und erhobenem Haupt) so lautet die Rückmeldung: „Kein Grund zur Panik, Besitzer fühlt sich sicher und agiert mit Selbstvertrauen, alles im grünen Bereich.“ Diese Positiv-Verstärkung können wir nutzen. Die Grundhaltung ist das Wichtigste. Das gilt nicht nur im Sport, sondern auch im allgemeinen Berufsleben. Die richtigen Accessoires helfen. Im Sport ist uns klar, dass wir mit Funktionsbekleidung bessere Leistungen erbringen können als wenn wir in High Heels und Wollpullover zum Joggen gehen würden. Im Berufsleben sind es Rhetorik, Kleidung, Visitenkarten und mehr. Die Erscheinung muss stimmen, dann passt meist auch der erste Eindruck.

Wenn der erste Ton erklingt

So agieren wir auch beim Unterrichten von Choreographien und Tanz. Sobald der erste Ton erklingt, muss die Haltung stimmen. Der (imaginäre) Zuschauer/ die (imaginäre) Zuschauerin möchte einen Tänzer/ eine Tänzerin sehen, niemand, der sich seiner Rolle nicht einmal selbst bewusst ist. Hier ist uns klar, dass wir eine Rolle einnehmen. Eine Rolle, die uns hilft, uns größer zu fühlen, Selbstvertrauen aufzubauen und stärker zu werden (mental und körperlich). Und es ist uns klar, dass wir zumindest anfangs „spielen“, weil wir ja keine Tänzer/Tänzerinnen sind.

If you stumble – make it part of the dance

Und wenn dann doch was schiefläuft? Dann muss es gewollt aussehen. Sinngemäß meint das die Zwischenüberschrift. Wenn Du stolperst, lass es so aussehen, als ob es dazugehört.
Genau hier zeigt sich die geringe Reichweite des Ratschlags, zu kopieren und nachzuahmen, bzw. was passiert, wenn man den zweiten Teilsatz einfach negiert. Dann ist man verloren, denn das kopierte Individuum/Unternehmen hat mir ja nur den geradlinigen Weg vorgelebt, nicht den, den ich zu gehen in der Lage sein muss, wenn es mein Weg ist, der vielleicht an manchen Stellen holprig/ steinig und eng ist.
So muss neben dem Kopieren von Bewährten auch gleichzeitig die Suche nach dem eigenen Weg ablaufen. Was kann man aus einem (missglückten) Tanzschritt noch machen? Wie kann man es so aussehen lassen, als ob es gewollt wäre? Nur das Wissen um die eigenen Fähigkeiten offeriert einen Plan B, der mit ebenso großer Eleganz ausgeführt wird, wie der eigentlich angedachte Plan A.

Ein guter Coach/Trainer vermittelt also immer Wahlmöglichkeiten, Alternativen, zeigt Vor- und Nachteile auf und respektiert die Persönlichkeiten, die Vielfalt, das Bunte.

Nur der eigene Stil ist unverwechselbar

Nochmals an dieser Stelle. Anfängliches Nachahmen und Kopieren ist Teil eines ganz normalen Lernprozesses. Anders geht es gar nicht und daran ist nicht Verwerfliches. Ziel muss es allerdings sein, den einen Weg, den eigenen Stil, die eigenen Verhaltensweisen zu erkennen, zu perfektionieren, sie zu entwickeln und so zur unverwechselbaren Marke zu werden.
Das setzt Mühe, Anstrengung, Training, einen guten Coach und einen langen Atem voraus.

Das ist ja anstrengend

Und weil dem so ist, bleiben viele Personen beim ersten Teilsatz und ahmen nach. Aus Selbstschutz (wie manche Tiere), aus Faulheit und Bequemlichkeit, aus Ermangelung eines guten Coaches oder vielleicht einfach, weil sie keinerlei Substanz zu bieten haben? Je besser und selbstverständlicher dabei das Auftreten ist, umso länger kommen diese Personen damit auch durch, manchmal sehr zum Ärger der Urhebers/ der Urheberin.

Nachmacher, Nachmacher

Wir lesen und fühlen uns in die Kindheit und Jugendzeit zurückversetzt. Da wurde allzu offensichtliches Imitieren ganz schnell mit diesem despektierlich quäkenden Ausruf quittiert. Und wir alle verstanden, was damit zum Ausdruck gebracht werden sollte: „Du bist ja langweilig. Dir fällt ja selbst nichts ein. Das hat vor Dir schon jemand anderes gemacht. Das gehört dir nicht. Das passt nicht zu Dir.“ – im schlimmsten Fall trafen alle Aussagen zu.

Ein Nachmacher kann immer nur hinter dem Original bleiben, kann nur reagieren, ist immer eine Spur zu langsam.
Da dies nicht unser langfristiges Ziel sein kann, ist es wichtig, dass wir die Kopie immer nur als Krücke sehen, die uns hilft anfangs, wenn die Beine noch schwach und der Kopf voller Zweifel ist, den Weg zu gehen. So lange, bis wir uns unserer Besonderheiten bewusst sind, die nutzen und sie auf die Bühne bringen.

So versuchen wir es auch im Tanz- und Choreographie-Unterricht den teilnehmenden Personen mitzugeben. Nicht jeder ist gleich flexibel, nicht jeder ist gleich stark, nicht jeder kann auf die gleiche Weise interpretieren. Und das ist gut so. Wir arbeiten gemeinsam am jeweiligen Stil und erkennen an, dass jede Person ihre Einzigartigkeiten hat, die präsentiert werden können und dürfen, sofern die Person das möchte.

Sonntag, 27. Oktober 2019

"Wie früher..."


Das höre ich oft, wenn Personen das erste Mal im Luftring (Aerial Hoop) sind. Die Erinnerung an die unbeschwerten Schaukelmomente der Kindheit werden wach, mit ihnen zeigt sich nahezu gleichzeitig ein fast beseelter und glücklicher Gesichtsausdruck.

„Wie früher.“ Das höre ich aber auch oft im Pole-Unterricht, wenn es an das erste Klettern geht. Da werden die Erinnerungen an den Schulsport, das vermeintliche Versagen, wenn es darum ging, die Kletterstangen oder Seile zu erklimmen, wieder lebendig (Anmerkung: Das kann ich gut nachvollziehen, hier habe ich immer die Note 6 kassiert und mich bis auf die Knochen blamiert). Umso stolzer ist dann der Gesichtsausdruck, wenn das Klettern auf einmal klappt und man den Boden verlässt, in luftige Höhen aufsteigt (es braucht halt jemanden, der einem die richtige Technik erklärt).

„Ich kann nicht.“ – Das wiederum ist häufig die Aussage, wenn es darum geht, die erlernten Tricks und Elemente tänzerisch und fließend miteinander zu verbinden (im Pole- und auch im Hoop-Kurs, sogar manchmal im Yoga, wenn es um einen Flow geht). Hakt man ein wenig nach und stellt die Frage, ob die Personen meinen, nicht tanzen zu können oder ob sie nicht tanzen wollen, so hört man fast mit leichter Entrüstung die Antwort: „Ich KANN nicht tanzen, wollen würde ich schon.“

„Wie früher“ und „Ich kann nicht.“

Diese Aussagen haben mich schon immer ins Grübeln gebracht, vor allem, weil ich sie aus meiner Erinnerung so gut nachvollziehen kann. Stundenlang konnte ich auf der Schaukel verbringen. So lange, bis ich fast meine Hände nicht mehr von den Seilen lösen konnte und so nachhaltig, dass ich auch abends im Bett noch das Gefühl hatte, zu schaukeln.
Ich war der Welt entrückt, dem Himmel so nah und alles war leicht.

Ebenso habe ich aber, wie bereits oben beschrieben, das Stangenklettern in der Schule gehasst und kam mir vor wie der schwerste Elefant der Welt, der gerade am kleinsten Grashalm elegant nach oben kommen soll. Scham, Demütigung und ganz ganz viel Ohnmacht begleiteten diese Situationen.

Tanzen? Wundervoll. Als die Klasse einen Tanzkurs gemacht hat, war ich im Schwimmtraining. Ich habe nie gelernt zu tanzen und fand es dennoch immer schön. Tanz ist für mich ein Einblick in die Seele der tanzenden Personen, dazu muss die Seele natürlich so schön sein wie das Äußere, das die schönen Tänzer und Tänzerinnen darstellen. Da hatten wir dann schon Problem Nummer 1: Denn wenn man von sich das Bild eines „clumsy elefant“ hat, sich eher lächerlich als grazil vorkommt, dann wird es schwer, das richtige Bild zu malen, die richtigen Bewegungen zu finden. Noch bevor man eine Bewegung im Kopf zu Ende gedacht hat, bügelt man sie nieder: „Sieht sowieso doof aus. Ich kann das nicht, das sieht lächerlich aus.“

Warum beseelt uns Schaukeln, macht uns Klettern Angst und woher kommt der Wunsch zu tanzen, den man so selten verwirklicht? Und macht vielleicht genau die Mixtur dieser 3 Bereiche unter anderem auch den Reiz am Polesport und Aerial Hoop Training aus?

Ein bisschen was war noch vom Studium übrig. Im Kopf schwirrten Reste der Vorlesungen zu frühkindlicher emotionaler Entwicklung, zum Hospitalismus, der seines Zeichens durch Schaukelbewegungen der Patienten (unter anderem) gekennzeichnet ist. Genug, um hier anzusetzen?
Schaukeln stellt eine Form der basalen Stimulation dar, ist somit eine Form der körperbezogenen Kommunikation. Wir reden mit uns, nicht nur im Kopf, sondern ganzheitlich, mit dem Körper. Wiegen und Schaukeln tun dem Menschen gut.


Bring dein Leben kontrolliert aus dem Gleichgewicht und Du stehst sicherer!

Heute findet diese basale Stimulation auch in Altenheimen wieder Anwendung und geht auf einen Ansatz von Prof. Andreas B. Fröhlich zurück, der 1975 ein Konzept entwickelte, dessen Ziel es war, körperlich und geistig benachteiligte Kinder zu fördern. Dieses Konzept übertrug Prof. Christel Birnstein (Universität Witten/Herdecke) in den Bereich der Pflege von alten Menschen, die ihrerseits mit Beeinträchtigungen zu kämpfen haben.

Vereinfacht zusammengefasst kann man sagen, alles, was das Gleichgewichtsorgan, die Gleichgewichtswahrnehmung fördert und fordert, tut uns gut. Sich selbst in veränderten Positionen im Raum wahrnehmen, kann glücklich machen und beruhigen. Die sogenannten „vestibulären Anregungen“ stabilisieren dabei die Haltung des Menschen und normalisieren seinen Muskeltonus, so stellt sich bei vielen ein allgemeines und tiefes Wohlbefinden ein, so dass sogar Schmerzmedikamente überflüssig werden können und Menschen wieder sicherer auf den Beinen sind(amerikanische Studie der Universität Rochester bei Bewohnern eines Altenpflegeheims).
(Wer hier mehr dazu lesen möchte: https://www.welt.de/print/die_welt/wissen/article13832445/Schaukeln-ist-Magie-und-Medizin.html)

Ja, das bestätigt auch die Wichtigkeit und Notwendigkeit des sogenannten Propriozeptionstrainings (Schulung der Körperwahrnehmung), welches ein elementarer Bestandteil der Ausbildung zum medizinischen Fitnesstrainer darstellte. Sich selbst wahrnehmen und diese Wahrnehmung körperlich aktiv steuern können, das gehört unter anderem zur Kapitel der Sturzprophylaxe.

Ungewollte Bodenhaftung

So sehr uns Schaukeln beseelt, so häufig sind auch die demütigenden Erfahrungen mit dem Klettern. Dabei hat auch das Klettern therapeutische Wirkung. Klettern wird heute in einigen Therapien als eine von zahlreichen körperorientierten Methoden angewendet. Wir bieten es im Rahmen des „Embodiment – Acrobatic Therapy“ als Coachingmethode an.
Um die Menschen, die zu uns kommen, zu demütigen? Mitnichten. Wir zeigen, dass man mit der richtigen Technik über sich selbst hinauswachsen, Ängste überwinden und Leidenszustände lindern kann.

Das Klettern, die Höhe und vor allem das unsichere Turngerät können hier stellvertretend für die äußeren Gegebenheiten und die Unabwägbarkeiten des Lebens stehen. Dünn, wacklig, wenig Halt, rutschig und unten gähnt der Boden wie ein Schlund der mich verschlingen möchte. Wirklich verlockende Aussichten! Wenn man lernt, die richtige Technik einzusetzen, sich zu vertrauen und Kräfte dosiert einzusetzen, dann merkt man, dass man auch davor gar nicht mehr so viel Angst haben muss und wächst buchstäblich über sich hinaus.

Erwiesen ist, dass Klettern auf diesem Weg das Selbstvertrauen, die Kommunikation, das Körpergefühl, die Wahrnehmung von Emotionen verbessern kann und so ganz nebenbei ein super Muskeltraining darstellt, welches auch noch den Kopf fordert und so ein ganzheitliches Zusammenspiel der Sinne offeriert.

Tanz! Es muss auch nicht dein Name sein.

Fehlt uns noch der Blick auf das Element des Tanzes. Die Erfahrung zeigt uns, dass Kinder tanzen bevor sie laufen können. Fast instinktiv beginnen sie früher oder später, sich rhythmisch (mehr oder weniger geschickt, aber immer mit vollem Selbstverständnis) zur Musik zu bewegen. Jeder von uns hat das schon einmal beobachten können. Altersübergreifend vom Baby bis zum Kleinkind, in allen Ethnien und Nationen. Doch irgendwann hört es auf. Warum?

Vielleicht, weil jemand gelacht hat? Vielleicht, weil mich jemand ausgelacht hat? Wäre Tanz nur Bewegung, so wäre das doch nicht so schlimm, oder? Wenn Tanz aber ein geöffnetes Fenster zum emotionalen Seelenleben darstellt und somit auch einen Grad der Verletzlichkeit, so ist Lachen eine Waffe, die in diesem Moment gegen mich gerichtet wird. Das verunsichert oder tut weh. Im Zuge des Vermeidungsverhaltens hört man dann auf zu tanzen.

(Auch hier habe ich mehrere interessante Ansätze gefunden, einen Artikel kann man hier nachlesen: https://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/wie-tanzen-als-medizin-wirkt-und-gluecklich-macht-a-881579.html)
In diesem Artikel beschreibt Gunter Kreutz (Universität Oldenburg), dass Tanzen entspannt und gegen Krankheiten helfen kann. Er spricht davon, dass Tanz Leben ist und sich langfristig keine Herrschaft durchsetzen konnte, die Tanz und Musik verboten hatte.

Tanz vereint die Geschlechter, ganz gleich wie viele es sein mögen. Tanz ist Körperlichkeit und kann nur mit dem Ausleben dieser vonstatten gehen, setzt also Offenheit, Selbstvertrauen und Kenntnis des eigenen Körpers voraus, verbessert diese Verhaltensweisen aber gleichermaßen auch. Studien weisen nach, dass während des Tanzens die Konzentration des Stresshormons Cortisol im Speichel sinkt. Das funktioniert ohne Musik und Tanz nicht.

Folgt man den Ausführungen von Kreutz weiter, so kann man nachlesen, dass Tanzen das Demenzrisiko um 76% reduziert (persönliche Anmerkung (schmunzelnd): Warum kann ich mir dann nie eine Choreo merken?.) Tanzen beansprucht so viel der Hirnkapazität, dass es nach Kreutz Motorik, Aufmerksamkeit, Langzeitgedächtnis und Kurzzeitgedächtnis beansprucht und somit trainiert.

Tanzen heilt

Eine Studie zeigte (so Kreutz), dass Tanzen auch bei multipler Sklerose helfen kann und führt hier eine Patientin an, die nach 5-monatiger Tanztherapie gänzlich auf eine ihrer 2 Gehhilfen verzichten konnte. Bei Parkinson wird eine Verbesserung der Mobilität erreicht. Auf die Frage, wie das gehen könne, bestätigt Kreutz die in mir schlummernde (nicht wissenschaftliche) Vermutung, dass das über die Psyche vonstatten ginge. Menschen distanzieren sich von ihrem „Ich fühle mich mies-Ich“ und entfliehen in andere Welten. Durch Musik und rhythmische Bewegungen. Das tut gut und wenn keiner lacht, dann fühlt man sich frei.

Kleine Oasen und geschützte Räume

Und so vereinen wir vieles, was wir brauchen durch Tanz und Akrobatik, Yoga und Bewegung. Ohne es vielleicht vorher gewusst zu haben, dienen diese Auszeiten nicht nur dem Training der Muskulatur, sondern auch der Reinigung der Seele.

Vielleicht liegt daran der Reiz von Poledance, Aerial Hoop und der nicht endend wollende Erfolgsweg von Yoga. Ohne diese Elemente fehlt uns etwas und wo kann man denn sonst als Erwachsener schon schaukeln (außer man fährt nach Montreal, das gibt es Bushaltestellen mit Schaukeln)?
(Mehr zum Ansatz des „Embodiments – acrobatic therapy“ findet man hier: https://www.rebel-management-training.de/einzelcoaching-und-beratung

Freitag, 25. Oktober 2019

Beachtung, Achtsamkeit und die Tequila-Seite


Zugegeben, zunächst wollte ich den heutigen Blogbeitrag mit „Ignoranz und Missachtung“ betiteln. In Bezug auf die Sprachhygiene und weil es immer besser ist, das Positive zu sehen, habe ich dann die gegenteiligen Begriffe gewählt. Um die lesenden Personen in die Irre zu führen, weil ich jetzt doch über Ignoranz und Missachtung schimpfen will? Ja, es wird auch über diese beiden Begriffe gehen, doch eben auch über die Wirksamkeit einer echten Sprachhygiene.

Blödsinniges Geschwafel?


Im Training versuchen wir (muskuläre) Dysbalancen zu vermeiden indem wir immer beide Seiten trainieren. Jeder Mensch kennt die dominante und die weniger gute Seite. Schnell sprechen wir dann auch von der „guten“ und der „schlechten“ Seite. Doch wenn wir über einen Sachverhalt/ einen Menschen/ eine Situation immer schlecht reden, so wird es uns schwerfallen, uns mit diesem Sachverhalt/ dieser Person/ dieser Situation in wohlwollender Weise auseinanderzusetzen, ja auch nur Zeit damit zu „vergeuden“. Warum soll ich mich um etwas kümmern, von dem ich schon von Vornherein der Meinung bin, dass es schlecht ist?

Da unsere Haltungen unsere Gedanken prägen, unsere Gedanken wiederum unser Handeln und unsere Motivation, vermeiden wir den Begriff „schlechte Seite“. Es gibt die eine und die andere Seite oder auch die Schokoladen- und Tequila-Seite.

Tequila-Seite?


Ja. Die Schokoladenseite ist die eine (die Gute – pssst!) – die Tequila-Seite ist die andere Seite, die man auch als Zitronenseite bezeichnen kann (man verzieht das Gesicht, wenn man sie trainieren soll). Da man für einen Tequila aber auch Zitronen braucht und der manchmal auch ganz lecker sein kann, nennen wir die „andere“ Seite Tequila-Seite.

Achtsamkeit, Beachtung und der Zeitfaktor


Was wir nicht brauchen, was uns keinen Vorteil verschafft, Dinge, die uns schwerfallen, denen schenken wir selten Beachtung und investieren auch keine Zeit in diese. In Zeiten in denen man mit Informationen überflutet wird, kann man dieses rigorose Vorgehen auch gut nachvollziehen.
Kann man im Sport damit argumentieren, dass ein ausbalanciertes Training wichtig ist, um Fehlhaltungen und Dysbalancen vorzubeugen, so fällt uns im Business-Zwischenmenschlichen-Bereich nicht so schnell ein Argument ein.

Eliminiere, was Du nicht brauchst.


Richtig. Ballast entfernen, sich von dem trennen, was einem nicht nützt, was man nicht verfolgen will, was für einen selbst keinen Wert hat. Das ist auch mit Kontakten so und muss nicht immer etwas mit Ablehnung zu tun haben.
Ein Mindestmaß an Beachtung und Achtsamkeit (Respekt, Anstand) sollte aber auch hier vorhanden sein.
Zugegeben, ich hasse es, wenn man einfach ignoriert wird. Nicht jedes Angebot ist für jeden wichtig, aber eine kurze Rückmeldung, dafür sollte Zeit sein.

Seltsame Blüten


Sonst bringt vor allem der Umgang mit sozialen Medien seltsame Blüten hervor. Da werden Freundschaftsanfragen gestellt (von vollkommen unbekannten Personen) und auf die Frage, wo denn die Gemeinsamkeiten liegen würden, bzw. dass man private Kontakte nur bestätigen würde, wenn man die Person auch kennen würde, wenn es sich allerdings um Geschäftliches handeln würde, der Person vorschlage, den Seiten zu folgen, mit „Fuck you“ geantwortet.
Da werden Freundschaftsanfragen von Personen gestellt, die man tatsächlich persönlich kennengelernt hat und die man dann auch bestätigt. Prima! Danach wird man ignoriert. Keine einzige Frage wird beantwortet, wohl aber wird man mit Wahlkampfwerbung behelligt.

Privat und Geschäftlich


Für die Ausgeglichenheit im Umgang auch mit sozialen Medien hilft es manchmal sich an Telefonbücher zu erinnern.
Ja, da steht die Person X, die ihres Zeichens ein „hohes Tier“ bei einer großen Firma ist, zu der man gerne Kontakt haben würde, vielleicht auch mit der privaten Telefonnummer im Telefonbuch (stand). Dennoch würde man sie wohl kaum zu Hause anrufen, um dann in den Hörer das Wort „Freundschaft?“ zu säuseln und auf Nachfragen einfach zu schweigen, oder?

Wir wollen Beachtung, uns selbst verwirklichen, Likes generieren, Followerzahlen ansteigen lassen und sehen dies alles als Währung unserer persönlichen Bedeutung?
Vergessen wir dabei nicht die „andere“ Seite, auch dieser Seite, die wir vielleicht gar nicht so mögen, zumindest hin und wieder Beachtung zu schenken, damit wir keine Dysbalancen entwickeln.

Freitag, 18. Oktober 2019

Yoga und was man in den Berufsalltag mitnehmen kann


Zu Beginn einer neuen Herausforderung kann es durchaus sein, dass man sich in diese stürzt und ohne viel Nachdenken loslegt. Das muss nicht immer das Schlechteste sein. In vielen Fällen, gerade auch wenn es um berufliche Projekte geht, nimmt man sich allerdings Zeit (oder sollte sie sich nehmen) und betrachtet das neue Thema, beleuchtet es von allen Seiten, analysiert es und überlegt sich, wie sich das Thema darstellt und wie man am besten mit diesem umgeht.

Danach stellt man, wann immer möglich, die notwendigen Ressourcen bereit, um ausreichend Energie für die Projektbearbeitung zur Verfügung zu haben.
Man bereitet alles vor, stellt das richtige Team zusammen und beginnt zu arbeiten.
Viele Projekte stellen unterschiedliche Anforderungen, manche Teilschritte gehen leichter von der Hand, andere benötigen mehr Ruhe, wieder andere erfordern absoluten Krafteinsatz – aber alle Teilschritte sind notwendig.

Und am Ende hofft man, dass man das Projekt erfolgreich abschließt, das Thema in guter Art und Weise bearbeitet hat. Prima. Und auf geht’s zum nächsten Projekt.

Projektarbeit und Yoga im Vergleich

Im Grunde gleicht der Umgang mit Projekten (im beruflichen Alltag) somit fast dem Aufbau einer klassischen Yoga-Stunde.

Klassisch beginnt man hier mit der Anfangsentspannung: Man kommt an und zur Ruhe, man stellt sich auf das Kommende ein, man konzentriert sich auf das, was kommen wird und hält ein wenig Zwiesprache mit dem eigenen Körper, um ihn zu fragen, wie es ihm heute geht und mit welchen Befindlichkeiten er gerade zu tun hat, die eventuell im weiteren Verlauf der Aufmerksamkeit bedürfen.

Danach kümmert man sich auch in einer Yoga-Stunde um die Bereitstellung der notwendigen Energie: Prana. Mit entsprechenden Übungen (Pranayama) legt man den Fokus auf die Atmung, um die Energie bereitzustellen und zu erhöhen. Nur mit genügend Energie, Sauerstoff und Versorgung des Körpers mit diesen Bestandteilen ist ein konzentriertes und sinnvolles Absolvieren der nächsten Schritte möglich. Dieser Schritt entspricht der Ressourcenbereitstellung für ein Projekt.

Ist man so auf das Kommende eingestellt, bereitet man den Körper vor, erwärmt ihn. Auch im Yoga weiß man, dass viele Asanas sehr komplex sind und hohe Anforderungen an die Wahrnehmung, die Koordination und das Gleichgewicht stellen. Um derart komplexe Aufgaben bewältigen zu können, bedarf es der Vorbereitung. So kennt man das auch aus der Projektarbeit. Projekte sind komplex, stellen hohe Anforderungen, man kann sich nicht ohne Vorbereitung in diese stürzen. Zunächst stellt man das Team zusammen, bespricht, wägt ab, bereitet vor.

Asanas – das Projekt

Erst danach geht es an die eigentlichen Übungen, also die Projektarbeit im übertragenen Sinne
Je nach Projekt/ Thema der Yogastunde stehen andere Ziele/Ergebnisse im Vordergrund. Mit dem richtigen Team (im übertragenen Sinne das Zusammenspiel aus Atmung, Ruhe, Muskelkraft, Körperbewusstsein und Flexibilität) bringt man das Projekt zum Erfolg. Der Vergleich zeigt auch, dass in einem Team mehrere unterschiedliche Persönlichkeiten vonnöten sind, denn nicht alles lässt sich mit den gleichen Charaktereigenschaften bewältigen.

Der große Unterschied

Jeder Vergleich hinkt und so hat auch der Vergleich einer Yoga-Stunde mit der Projektarbeit im Unternehmen bestimmt mehr als einen Haken. Das ist in Ordnung. Was allerdings so gar nicht zusammenpasst, ist der letzte Programmpunkt einer Yoga-Stunde mit dem üblichen Vorgehen nach Projekten.
Eine Yoga-Stunde wird mit der Tiefenentspannung abgeschlossen. Diese ist nicht ohne die Anstrengung vorher möglich und stellt zudem einen runden Abschluss für Körper und Geist dar.
Wie sieht das allerdings mit Projekten aus? In vielen Bereichen zählt allein das Ergebnis. Ist das Projekt (erfolgreich) abgeschlossen, so ist der Sache Genüge getan. In den seltensten Fällen nimmt sich das Projektteam am Ende Zeit für die Tiefenentspannung, für das ruhige Revue passieren lassen der vorangegangenen Phase. Urlaub, ein paar freie Tage oder das gemeinsame Abschlussessen mit dem Team sind hier nicht gemeint, vielmehr ein protokollfreies Abschlussmeeting, welches Ruhe und Gelassenheit (gleich wie der Ausgang des Projektes war) offeriert.

Keine Entspannung ohne Anstrengung

Die Wünsche einiger Personen lassen sich allerdings doch wieder vergleichen: Viele Menschen wollen Tiefenentspannung ohne Anspannung und Arbeit im Vorfeld. Viele Menschen möchten gute Projekte ohne viel Aufwand aber mit tollen Ergebnissen.

Yoga oder Projektarbeit? Wichtig ist immer eine runde Choreographie, so wie eine gute Geschichte nicht nur einen attraktiven Anfang, sondern auch ein passendes Ende benötigt.





Donnerstag, 10. Oktober 2019

Wer bin ich und wenn ja, wie divers?




In Ordnung. Dann werden wir die Toilettenschilder im Studio nochmals verändern. Künftig wird es nicht mehr die Beschriftung „Sporty Men“ und „Sporty Women“ geben, sondern ganz langweilig „Toilette“ und „Privat“. Wobei „Privat“ auch allen Personen offensteht, die unser Studio besuchen.

An dieser Stelle ärgere ich mich gerade, dass wir so ganz ohne Vertragsbindung arbeiten. Hätten wir Verträge, dann hätten wir auch Mitglieder und hier gibt es – soweit ich weiß – keine Mitglieder und Mitgliederinnen, oder doch? Wobei sich hier die Frage stellt, ob allein das Wort „Mit Glied (er)“ vielleicht in Zukunft gar nicht mehr benutzt werden darf, weil es per se ja schon geschlechtsdiskriminierend ist?

Komplizierte Toilettenbeschriftung

Zurück zur Toilettenbeschriftung: Es war den Menschen, die in unser Studio kamen bisher auch herzlich egal, was auf der Toilette stand, Hauptsache sie ist sauber. Benutzt wurde die Toilette, die gerade frei ist, so einfach war das. (Und so wird es hoffentlich auch in Zukunft bleiben. Für die Sauberkeit sorge ich, für den unkomplizierten Umgang die Personen, die zu uns ins Studio kommen.)

Wir bieten Sportkurse für Menschen an! Nicht für Tiere, nicht für Aliens – für Menschen. Tatsächlich stellt das manche interessierte Person vor ein Dilemma. Bei einem Telefonat vor ein paar Wochen fragte eine Person (das ist neutral oder? Also Person ist m/w/d?), ob wir reine Frauenkurse hätten? Ich verneinte. Sie stellte die Frage erneut, als ob sie der Meinung wäre, man/frau/divers hätte sie nicht richtig verstanden. Wieder war die Antwort gleichlautend: Wir würden Sportkurse für Menschen anbieten. Sie (die Person) entgegnete darauf, dass sie sich aber wohler fühlen würde, wenn es nur Frauen wären. Ich entgegnete darauf, dass sie dann generell ein Problem haben würde, denn Pilates (um diesen Kurs ging es ihr (der Person)) würde ein männlicher Trainer unterrichten (hier darf ich das Geschlecht nennen, denn es handelt sich um meinen Mann, er ist – soweit ich das weiß und beurteilen kann – männlich. ABER: Darf ich überhaupt „mein Mann“ sagen, oder ist das zu besitzergreifend? Muss es in Zukunft vielleicht heißen: Die Person, die für sich selbst die Geschlechtsbezeichnung „männlich“ bevorzugt und in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft mit mir lebt?).

Herr, Frau oder Du?

In meiner Tätigkeit als Trainerin/ Beraterin und Coach für Rebel-Management-Training leite ich auch Seminare. Hier muss ich die anwesenden Personen ab und an sogar ansprechen. Ich habe mich hier bisher immer vor einer „Du-Pflicht“ gedrückt, also die Personen, die anwesend waren auch mit „Herr“ oder „Frau“ angesprochen. In Zukunft werde ich zum französischen „Du“ übergehen: Vorname plus „Sie“. So ist jedem gedient. Kein „Frau“, kein „Herr“ und dennoch das „Sie“, welches für mich nie für „Distanz“ sondern für „Höflichkeit und Respekt“ stand und stehen wird.

Führungskräftinnen, Mitgliederinnen, Vorgesetzinnen?

Selbstverständlichkeiten setzen Selbstverständnis voraus. Je mehr man auf etwas pocht, es in den Vordergrund stellen muss, sich auf diesen Punkt bezieht, desto eher wird der Umgang damit „verkrampft“. Das war schon mit der gendergerechten Sprache (Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, Mitglieder und Mitgliederinnen, Teilnehmer und Teilnehmerinnen, Vorgesetzte und Vorgesetztinnen, Führungskräfte und Führungskräftinnen) so, das ist es auch mit dem Wort divers.
Ein Mensch, der sich selbst versteht, versteht es auch, das Bild von sich zu entwerfen, welches die Gesellschaft wahrnehmen soll. Meistens. Und wenn nicht, dann muss man damit auch umgehen können.

Gedemütigt und diskriminiert

Ich darf das sagen, denn ich bin in den letzten 23 Jahren so oft auf meine „Kurze Haarpracht“ angesprochen worden, so oft als Transvestit betitelt worden, so oft für lesbisch gehalten worden (da hilft es auch nichts zu erklären, dass man glücklich verheiratet ist und zwei Kinder hat), so oft als Mann bezeichnet worden, dass mir gar nichts anderes übrig bleibt, als das mit Humor zu nehmen.
Zugegeben: Das gelingt mir nicht immer. Es gibt genug Situationen, wo es schmerzt, wo es weh tut, wo ich mich gekränkt und vielleicht auch ein wenig gedemütigt fühle, aber es deswegen habe ich immer noch nicht das Recht von der Gesellschaft eine komplette Umwandlung zu verlangen. Es waren einzelne Individuen, die nicht anwesend waren, als Anstand, Respekt, Wertschätzung und Taktgefühl durchgenommen wurde, nicht die Gesellschaft an sich.

Herzlich Willkommen

Bei uns sind Menschen herzlich willkommen. Wer sich nicht mehr menschlich benimmt, ist auch nicht willkommen. Tiere mögen wir auch, die haben nur leider im Studio keinen Zutritt.

Donnerstag, 3. Oktober 2019

Zeigt her Eure Füße…


zeigt her Eure Schuh.“ So heißt es in einem bekannten (oder mittlerweile weniger bekannten) Kinderlied. Zuerst die Füße, dann die Schuhe.

Vernachlässigung


Obwohl unsere Füße eine im wahrsten Sinne des Wortes „tragende Rolle“ spielen, vernachlässigen wir diese gern. Es gibt nicht wenige Menschen, die ihre eigenen Füße nicht mögen, ja nicht einmal anfassen wollen. Sie finden diese nicht schön oder sogar eklig.

Wohl sind uns die positiven Auswirkungen einer Fußreflexzonenmassage bekannt, man gönnt sich vielleicht sogar eine professionelle Pediküre oder lässt Fische an den eigenen Füßen herumknabbern, aber so richtig respektieren kann man die Fundamente der Säulen unserer aufrechten (und aufrichtigen ?) Haltung nicht.

Kapitalverbrecher


Es muss reichen, wenn man alle 3 Monate die Fische ranlässt, oder sogar einmal pro Monat zur Pediküre geht. Für den Rest der Zeit sperren wir unsere Füße wie Delinquenten eines Kapitalverbrechens ein. Freigang bekommen die Füße vielleicht mal im Urlaub, am Strand, im Sand.

Wir stehen auf und ziehen Hausschuhe an. Wir machen Sport und tragen Joggingschuhe. Wir gehen zur Arbeit und tragen Businessschuhe und manche Menschen tragen sogar im Bett Socken. Luft, Freiheit und Entfaltungsmöglichkeiten bekommen unsere Füße so gut wie nie.

„Nee, das ist ja eklig. Ich mag meine Füße nicht, die sind ungepflegt. Da bekomme ich immer ganz schnell kalte Füße. Etc. etc. etc.“
Wir kümmern uns um unser Gesicht. Wir wissen, dass gepflegte Hände wie eine Visitenkarte angesehen werden. Wir ärgern uns über einen Pickel auf der Stirn oder Pigmentflecken auf dem Dekolleté. Denjenigen, die uns durchs Leben tragen, zollen wir weder Aufmerksamkeit noch Respekt, beschämt verstecken wir sie fast unser Leben lang.

Wissenschaftlich erwiesen


Dabei hat Barfußlaufen so viele Vorteile: Erst wenn wir unsere Füße von den Schuhen befreien, kann und muss die Muskulatur dieser und auch der Waden richtig arbeiten. Wir trainieren. Barfuß läuft man anders und federt dadurch Aufprallkräfte ab, die sich schädlich auf die Wirbelsäule auswirken können. Prof. Dr. Astrid Zech (Sportwissenschaftlerin der Uni Jena) führt an, dass es zunehmend Hinweise gäbe, dass das Barfußlaufen die Laufökonomie verbessern würde. Sie sagt auch, dass man an den Füßen von Barfußläufern sehen würde, dass die Füße breiter und das Fußgewölbe höher seien.

Auch ich musste als Kind Einlagen tragen (und habe diese gehasst). Plattfüße, so die Diagnose. Habe ich heute nicht mehr. Alles, was bei uns im Studio passiert, passiert barfuß. Egal ob im Yoga oder Pilates, bei Pole oder Hoop, im Stretching oder Personal Training. Wir sind ein Barfuß-Studio. Zu Beginn einer Teilnehmer*innen-Trainer*innen-Beziehung führt dies häufig zu Irritationen, aber schon nach kurzer Zeit merken unsere teilnehmenden Personen die positiven Auswirkungen: Rückenschmerzen nehmen, ebenso wie Hallux-Beschwerden ab. Die Füße sind nicht mehr so oft kalt.

Heute ist wissenschaftlich erwiesen, dass bereits Kinder vom Barfuß-Laufen profitieren, weil es ihre motorische Entwicklung fördert (Prof. Dr. Astrid Zech, Sportwissenschaftlerin der Uni Jena). 

Sturzprophylaxe und einfaches Workout


Im medizinischen Fitnesstraining wird beispielsweise auch für Osteoporose-Patienten die Balancefähigkeit trainiert (um Stürze vermeiden zu können). Und was ist elementar für die Balancefähigkeit? Füße, die sich entfalten können dürfen.

Weniger Rückenschmerzen, eine gesündere Fußmuskulatur, die eigene Aktivierung der Fußreflexzonen, seltener kalte Füße und vielleicht sogar ein verbessertes Verhältnis zu den eigenen Füßen, die jeden Tag so viel für uns tun, nur, weil wir ihnen erlauben, sich frei zu entfalten? Ja, manchmal kann es tatsächlich einfach sein.

Freitag, 27. September 2019

Beckenkippung nicht nur für Bauchtänzer



ISG Blockaden, Ischiasbeschwerden, das Piriformis-Syndrom. Allein die Aufzählung führt bei manchen bestimmt schon zu schmerzverzerrten Gesichtern. Wenn der untere Rücken schmerzt, so wissen wir, dass sich das in unguter Weise auch auf die Beine und den oberen Rücken auswirken kann.

 

Eine stabile Mitte


Je stabiler unsere Körperachse, desto besser die Kraftübertragung nach oben und unten. Stabil darf hier allerdings nicht mit steif verwechselt werden. Es macht also Sinn, sich um die Zunahme der Beweglichkeit im Becken zu kümmern. Ein bewegliches Becken kann dazu beitragen, muskulären Dysbalancen und Fehlhaltungen entgegenzuwirken.

 

Die Beckenkippung


Die Beckenkippung dient hier der bewussten Bewegungssteuerung und hält uns mittig flexibel und kräftig zugleich. Wer hier Bewegungen gezielt steuern kann, trägt dazu bei den unteren Rücken zu entlasten. Eine beeindruckende Beherrschung der Körpermitte sieht man beispielsweise bei Personen, die Bauchtanz machen. Aber nicht nur für Bauchtänzer*innen, sondern für alle Menschen macht es Sinn, sich ein wenig mit dem Training des Beckens auseinanderzusetzen. Im Buch „Aerial Passion Trainerguide. Das Handbuch für Poledance- und Aerial Hoop Trainer“ (Nadine Rebel) wird ebenfalls auf die Rolle der Bewegungssteuerung des Beckens eingegangen und in der kommenden Ausgabe des Pole Art Magazines (Dezember 2019) kann man einen Artikel zur Bedeutung des Beckens für die Rückengesundheit, aber auch für die psychischen Wahrnehmungen lesen.
Es macht also durchaus Sinn, sich um seine Mitte zu kümmern.

Freitag, 20. September 2019

Ein gutes Kind


Ein Mensch erzählt: 

„Wissen Sie, ich habe ein wirklich gutes Kind. Es macht immer, was man ihm sagt. Es hat keine eigene Meinung, also ich gehe davon aus, dass es keine eigene Meinung hat, denn ich habe es noch nie danach gefragt und es begehrt auch nie auf. Es funktioniert prima, äußert nie eigene Bedürfnisse, braucht nichts und ist mit dem zufrieden, was für es abfällt. Man kann alles von ihm verlangen, es ist wirklich brav. Nie hat es Widerworte. Es ist so toll, so ein Kind zu haben, um dass man sich überhaupt nicht kümmern muss. Und wenn es sich mal meldet, dann muss man nur sagen, dass man das nicht möchte und sofort ist wieder Ruhe. Toll, genauso habe ich mir das immer vorgestellt. Und wenn ich das Gefühl habe, dass das Kind tatsächlich mal mehr Aufmerksamkeit braucht, dann gehe ich einfach in ein großes Möbelgeschäft und gebe es dort in der Kinderbetreuung ab, oder aber ich setze es vor den Fernseher oder melde es eben bei irgendeinem Ferienprogramm an.“

Ein Mensch erzählt: 

„Wir haben nur perfekte Mitarbeiter. Egal, was man ihnen aufbürdet, sie erledigen es. Sie sind nie krank, sie verlangen nicht nach Aufmerksamkeit, oder gar, dass man ihnen zuhört. Überstunden sind ganz normal, sie arbeiten, wenn es sein muss auch mal 24 Stunden am Stück durch, ohne dass sie am nächsten Tag krank sind, oder auch nur über Müdigkeit jammern. Was die Vorgesetzten-Ebene verlangt, wird erledigt, dafür sind die Mitarbeiter ja auch da, oder? Für eigene Meinungen, Kritik und Gegenrede ist in unserem Unternehmen auch kein Platz. Dafür gibt es bei uns mehr Urlaubsgeld.“

Das darf doch wohl nicht wahr sein?

Kopfschütteln, Unmut? Ein aufkeimendes Gefühl des Unwohlseins? So kann man doch nicht mit Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen umgehen, schon gar nicht mit Kindern? Man begegnet sich doch schließlich mit Respekt und Wohlwollen. Wertschätzung sei ganz wichtig, entgegnen Sie? Unterschiedliche Meinungen sind wichtig und können aufzeigen, wo etwas nicht ganz rund läuft. Nur durch das Vorhandensein unterschiedlicher Meinungen, das Äußern von eigenen Sichtweisen und Empfindungen kann Entwicklung vonstatten gehen, meinen Sie?

Stimmt . Und jetzt ersetzen Sie das Kind im ersten Beispiel und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im zweiten durch das Wort „Körper“.

Ersetzen Sie Kind/Mitarbeiter und verwenden das Wort Körper

Tatsächlich gehen viele Personen so mit ihrem Betriebskapital um. Ein Körper hat zu funktionieren. Wenn er sich meldet, in welcher Form auch immer, dann ist etwas verkehrt. Wenn er schon meint, nicht funktionieren zu müssen, dann bitte wenigstens in der Form, dass man sich krankschreiben lassen kann und nicht zur Arbeit muss.

Missempfindung oder Schmerz

Viele Menschen können heute nicht mehr zwischen Missempfinden und Schmerz unterscheiden. Sobald sich der Körper meldet, muss etwas verkehrt sein. Man setzt sich nicht so gerne mit dem Körper auseinander, reicht ja schon, wenn man ihn 24 Stunden am Tag mit sich herumschleppen muss. Und wenn er dann wirklich einmal meint, eine eigene Meinung, die dem Kopfbesitzer nicht passt, äußern zu müssen, dann geht man eben zum Arzt und lässt sich eine Spritze geben. Zur Not investiert man auch mal in Wellness oder eine Massage. Muss reichen.

Respekt und Wertschätzung

Ein Körper darf sich melden. Er darf am nächsten Tag seine Meinung über die körperliche Betätigung des Vortags äußern. Er darf anderer Meinung sein als sein Kopfbesitzer und wir sollten zuhören. Schmerzen sind Warnsignale, aber nicht jede Körperäußerung ist Schmerz.
Wir sind dann zufrieden mit unseren Körpern, wenn wir sie nicht spüren. Mit Kindern und Mitarbeitern gehen wir wertschätzender um.

Freitag, 13. September 2019

Wie wir Gleichberechtigung verstehen


 

Gleiche Voraussetzungen für alle


Bei CrazySports Augsburg haben wir keine Kinderkurse. Wir haben keine Kurse für Männer und keine Kurse speziell für Frauen. Wir unterteilen nicht in Altersklassen.

Kleingruppenvorteil

Unser Hauptaugenmerk liegt bei den teilnehmenden Personen, dabei ist es unerheblich, ob diese 7 oder 70, männlich, weiblich oder divers sind.
Wir führen unsere Kurse in Kleingruppen durch und fragen vor jeder Einheit nach besonderen Befindlichkeiten, Themen, Wehwehchen, um dann speziell auf diese eingehen zu können.

Jeder Mensch ist einzigartig und so kann es durchaus sein, dass man einer Person, die 7 Jahre alt ist die Herausforderung anders nahebringen muss als einer Person, die – zumindest was die Zahl der Jahre betrifft – erwachsen ist. Aber das ist immer unsere Aufgabe und diese erfüllen wir gerne.

Kleinster gemeinsamer Nenner

Was alle Personen verbindet, die zu uns kommen, sie möchten den Sport ausüben. Punkt. Und hier setzen wir an.

Größtes gemeinsames Vielfaches

Jeder Mensch hat bis zu einem gewissen Grad die gleichen Voraussetzungen und dennoch sind die Themen, die wir und unsere Körper mitbringen vielfältig. Mehr oder weniger Muskelmasse, mehr oder weniger Flexibilität, mehr oder weniger Vorerfahrung. Eventuell noch kleinere Baustellen und verheilte Blessuren, die berücksichtigt werden wollen.

Vielfalt der Einzigartigkeiten

Gerade diese Vielfalt kann aber auch dazu führen, dass man für sich als teilnehmende Person feststellt, dass jede Person mit Herausforderungen zu kämpfen hat, dass das, was mir leicht fällt für meine „Trainings-Buddy“ schwer ist und umgekehrt.

Keine Etiketten

Wir sehen mehr Vorteile im Miteinander als in der Stückelung unseres Kursangebots für „spezielle Gruppen“. Hier stellt sich auch die Frage, wo man anfangen sollte und wo aufhören?
Kinderkurse für 4-10Jährige. Teenagerkurse. Kurse für Jungs. Kurse für Mädchen. Kurse für weibliche Best-Ager, Kurse für männliche Bestager. Kurse für Personen mit Vorerkrankungen, Kurse für „festere“ Personen, Kurse für Menschen mit geringem Selbstvertrauen.
Allein diese Unterteilung kann unter Umständen schon als Stigmatisierung, als Etikett gesehen werden. Etiketten sind etwas für Klamotten, wir arbeiten mit Menschen.

Freitag, 6. September 2019

Und was tun Sie, um meinen inneren Schweinehund zu überwinden?





.so lautete eine Frage eines Herren, der sich bei einem Unternehmertreff nach meinem beruflichen Background erkundigt hatte. Nach der Vorstellung beider Unternehmensbereiche und der Erklärung, wie wir es in unserem Studio mit Verträgen handhaben(keine Vertragsbindung, Freiwilligkeit, der Teilnehmer/ die Teilnehmerin entscheidet, ob er/sie zum Sport kommen möchte oder nicht.), war der Herr sehr erstaunt und stellte eben oben genannte Frage.

Was sagt man darauf?


Tatsächlich war von meiner Seite erst einmal eine gewisse Art sprachlosen Erstaunens vorhanden. Für einen Moment (gefühlt quälend langer Ewigkeit) war ich doch wirklich ohne Worte. Dann entgegnete ich, dass es genau darum gehen würde.
 

Meine Aufgaben - Eure Aufgaben


Es wäre nicht meine Aufgabe sämtliche Schweinehunde anderer Menschen zu überwinden, damit es diesen besser gehen würde. Meine Aufgabe wäre es, für die Menschen im Rahmen der Möglichkeiten da zu sein, der beste Trainer zu sein, der ich sein kann und mich wertschätzend um die teilnehmenden Personen zu kümmern. Teilnehmende Personen zu fördern und zu fordern, auf sie einzugehen, mich im Rahmen meiner Kompetenzen um ihre Themen und Baustellen zu kümmern. Immer und immer wieder.

Dumm?


Aber das wäre doch dumm, warum dann die Personen überhaupt in unser Studio kommen sollten? Daraufhin meinte ich, weil der Erfolg ihnen und uns Recht gibt, weil sie sich danach besser fühlen würden, weil aus einer vielleicht anfänglichen extrinsischen Motivation (ich will abnehmen, ich muss jetzt was für mich tun, hat der Arzt gesagt..) eine intrinsische Motivation werden würde (ich möchte zum Sport, es tut mir gut. Ich freue mich drauf, ich genieße es währenddessen und danach fühle ich mich auch noch gut oder sogar besser.)
 

Das schönste am Sport kommt für mich nicht erst danach


Der Herr runzelte die Stirn und meinte, dass er das nicht verstehen könne. Er selbst würde auch regelmäßig Joggen gehen, aber das Schönste daran wäre die Dusche danach. Auf diese würde er sich schon vom ersten Schritt an freuen, deswegen würde er Joggen