Unter
„Reifung“ versteht man in der Biologie und in der Entwicklungspsychologie
Verhaltensweisen, die man nicht erlernen muss, sondern die sich aufgrund
genetischer Entwicklung einfach ergeben. Reifung stellt sich ein und ist von
äußeren Einflüssen weitgehend unabhängig.
Geduld wird definiert als ein ruhiges und beherrschtes
Ertragen von etwas Unangenehmen bzw. Langwierigen.
Wahnsinn ist die beständige Wiederholung gleicher
Verhaltensweisen in der Erwartung eines neuen und anderen Ergebnisses.
Und Training?
Welche Rolle spielt Training in all diesen Prozessen und Verhaltensweisen?
Werfen
wir einen Blick darauf
Reifung umgekehrt
Es gibt Ansätze, die Reifung quasi umgekehrt
betrachten: Obwohl die körperlichen Fähigkeiten und Anlagen schon längst
vorhanden sind (Kraft, Flexibilität, Kompetenzen, erlernte Fähigkeiten), werden
diese nicht genutzt, weil sie noch nicht genutzt werden können. Der Kopf könnte
damit noch nicht umgehen, die Reifung im Hirn ist für ein souveränes Anwenden
der Fähigkeiten noch nicht ausreichend fortgeschritten.
Das kennen wir: Obwohl wir eine Prüfung bestanden
haben, die uns bescheinigt, dass wir über eine gewisse Fähigkeit verfügen,
können wir diese (noch) nicht einsetzen. Obwohl wir eine Bescheinigung haben,
die uns als kompetent erklärt, fühlen wir es noch nicht.
Im sportlichen Training geht ein Trainer darauf ein:
Selbst wenn er in der Hilfestellung merkt, dass eine Person keine Fremdunterstützung
mehr braucht, bleibt er da, vermittelt Sicherheit. Das Back-up im Hintergrund
und der Plan B können auch bei der Nutzung geistiger Fähigkeiten helfen, das
Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten wachsen zu lassen, bis es so groß ist,
dass Fähigkeiten und Denken übereinstimmen und reif zur Ernte sind.
Geduld
Kein Mensch ist von Haus aus geduldig, denn wer
erträgt schon gerne etwas Unangenehmes, was zudem auch noch lange andauert?
Jemandem also Ungeduld vorzuwerfen, bringt rein gar nichts. Ungeduld ist ein
Gefühl, welches sich nicht verflüchtigt, nur weil eine andere Person sagt, dass
das Gefühl unvernünftig wäre. Will man gemeinsam hier arbeiten, so sollte man
nicht bei der Geduld ansetzen, sondern beim Gefühl des „Ertragens von etwas Unangenehmen“.
Wer Training zur Erlangung einer gewünschten Fähigkeit (ob im Sport oder im
Business) als Qual empfindet, den wird die Ungeduld immer einholen. Bis zu
einem gewissen Teil kann der Trainer/Lehrer/Vorgesetzte die „Qualen lindern“.
Motivation, Bestärkung, Mut machen, auf (kleine) Teilerfolge hinweisen, bessere
Erklärungen geben, auf dem Weg zur Reifung zur Seite stehen und den Weg als
Ziel betrachten. Sind die gefühlten Qualen beim anderen dennoch so groß, dass
die Ungeduld Oberhand behält, so verlaufen die Bemühungen eines
Mentors/Trainers im Sand.
Wahnsinn
Jedes Training ist Wahnsinn, denn gefühlt machen wir
immer das Gleiche und erwarten andere Ergebnisse. Wie wir eine Sache neu/anders
angehen sollen, ist uns gesagt worden. Wir haben es auch verstanden. Und dann
setzen wir es um und es funktioniert nicht. Sehr demotivierend. Tatsächlich
setzen wir es eben noch nicht genau so um, wie es uns gesagt wurde, auch wenn
wir das meinen.
Also versuchen wir es wieder. Und wieder. Und
wieder.
Und irgendwann klappt es dann.
Was ich im sportlichen Training häufig erlebe ist
das Unverständnis, wie es so lange hat dauern können, bis man es endlich kann?
Denn wenn es dann (auf einmal) klappt, stellen sich viele Teilnehmer und
Teilnehmerinnen die Frage, was jetzt anders gewesen sein sollte als die
gefühlten 9999-mal vorher? Dazu kommt das plötzlich aufploppende Gefühl, dass
es jetzt ganz leicht war.
10000 Mal
Ein Körper muss eine Bewegung ca. 10000-mal
ausführen, bevor sie instinktiv wird. Es ist also ganz normal, dass einem der
Weg dorthin lang erscheint und man das Gefühl hat, wahnsinnig zu werden.
Hat man sich dann eine neue Verhaltensweise/ eine
neue Fähigkeit im wahrsten Sinne des Wortes angeeignet, so erscheint sie auf
einmal leicht und selbstverständlich. Jetzt ist man reif dafür, diese Fähigkeit
souverän und authentisch zu nutzen.
Ohne den langen Weg funktioniert es nicht. Es gibt
leider keine Abkürzung.
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